Meinung

100 % pur? Öko-Image versus Realität

Die Weltwunderer haben sich schon mehrmals mit dem Thema befasst: Umweltprobleme in einem Land, das viele Europäer als Paradies auf Erden wahrnehmen. Anlässlich der „Hobbit“-Premiere berichtete sogar die New York Times kritisch über Neuseelands Image-Kampagne „100 % Pure“: Die Marketing-Präsentation der unberührten Landschaften sei genauso fantastisch wie das Konstrukt Mittelerde.

Morning at Moke Lake

Wunderschöne Natur, so weit das Auge reicht – so sieht Neuseeland nicht überall aus

Neuseeland gilt für viele Menschen als lupenreiner Umweltpionier, spätestens seit dem Nein zur Atomkraft und dem gemeinen Anschlag auf das Greenpeace-Schiff „Rainbow Warrior“ im Hafen von Auckland. Vor kurzem ging die Meldung durchs Internet, Neuseeland hätte Tiere gesetzlich als fühlende Wesen anerkannt – und damit Tierversuche verboten. Toll, oder?

An dem Saubermann-Image feilt die nationale Tourismus-Agentur TNZ seit 13 Jahren mit der extrem erfolgreichen Kampagne „100 % Pure“, und jeder Tourist bestätigt es mit seinen Fotos von Regenwäldern und Gebirgslandschaften, den Erlebnissen auf Wanderungen durch die Wildnis und beim Freedom Camping unter Wahnsinnssternenhimmeln.

Rotorua Redwood Forest

Dabei müssten Reisende im Land eigentlich schnell ins Grübeln geraten: Wo sieht man in Neuseeland einen Altglascontainer? Warum gibt es keine Pfandflaschen? Warum wird jeder Supermarkt-Einkauf in mindestens vier Plastiktüten verpackt? Und das sind nur die offensichtlichsten Dinge. In Neuseeland müssen Autos zum Beispiel keinen Katalysator haben, beim jährlichen Prüftermin WOF werden die Abgas-Emissionen nicht ermittelt.

Neuseelands Reputation als „unberührt“ ist auch nicht unbedingt realistisch, was schon die berühmten grünen Hügel mit den vielen Schafen zeigen: Abgesehen von den Gebirgen ist die Landschaft der beiden Inseln seit der Ankunft der Maori komplett umgestaltet worden. Über 70 % der Wälder sind verschwunden, 90 % der Feuchtgebiete wurden trockengelegt, Flüsse wurden eingedämmt und begradigt. In Gegenden wie Canterbury oder Manawatu fährt man stundenlang durch Felder, ohne eine einzige einheimische Pflanze oder ein Wildtier zu sehen.

Canterbury PlainsViele Pflanzen- und Tierarten, die in der „ursprünglichen“  Natur heimisch waren, sind daher heute ausgestorben oder unmittelbar vom Aussterben bedroht. Das DOC listet 2.788 bedrohte Arten auf, hier ist Neuseeland Weltspitze! Das Schlimmste dabei: Weil die Regierung dem DOC ständig die Mittel für Forschung kürzt, ist die Liste der bedrohten Tierarten wahrscheinlich viel zu kurz. Viele Einträge stehen dort nämlich unter „zu wenige Daten“.

2008 stand Neuseeland im Umwelt-Performance-Index der Yale University auf Platz Eins; es war das Land mit der besten Umweltpolitik bezüglich Lebensraumerhaltung, Treibhausgas-Emissionen, Wiederaufforstung und Gewässerschutz.  Vier Jahre später ist Neuseeland auf Rang 14 abgerutscht, und wenn man Neuseelands Entwicklung in den letzten zehn Jahren betrachtet, liegt es sogar nur noch auf Platz 50.

Erst kürzlich weigerte sich Neuseeland, eine zweite Erklärung zur Emissionsreduktion unter dem Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen. Der Pro-Kopf-Treibhausgasausstoß Neuseelands gehört zu den fünf höchsten der OECD-Staaten, und während die meisten anderen Staaten ihren Ausstoß verringert haben, ist der von Neuseeland seit 1990 um 23 % gestiegen. In den nächsten acht Jahren wird das Land in puncto Pro-Kopf-Emissionen die USA überholt haben. Heute emittiert das grüne Neuseeland ca. 83 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr; die Hälfte davon geht auf das Konto der Landwirtschaft.

Auch in puncto Müllerzeugung und -entsorgung steht Neuseeland schlecht da: Durchschnittlich 380 kg Müll erzeugt jeder Neuseeländer pro Jahr, was das Land auf den achten Platz der größten Müllerzeuger weltweit bringt.

Lake Taupo Garbage Bin

Ein etwas anderer Blick auf den Lake Taupo

Der Hintergrund ist dabei ein durchaus anderer als in good old Europe: Ähnlich wie die USA und Australien wurde Neuseeland erst vor relativ kurzer Zeit als britische Kolonie „neu“ besiedelt. Da vergleichsweise wenige Menschen auf vergleichsweise viel unberührte Natur zugreifen konnten, traten die Folgen von Verschmutzung und Raubbau hier erst vor Kurzem zutage. Wenn genug Platz ist, kann man seinen Müll eben auch einfach im Wald vergraben und Abwässer an unbewohnten Stellen ins Meer leiten … und genau das wird in Neuseeland bis heute getan. Dass man damit tatsächlich endliche Ressourcen aufbraucht oder andere Menschen schädigt, ist vielen Neuseeländern immer noch nicht klar!

Andere, vor allem die jüngere Generation, haben das schon verstanden: Die Müllsammel-Aktionen der „Beach Busters“ zeigten, dass an den Umweltproblemen nicht nur Neuseelands Industrie schuld ist, sondern eben auch jeder individuelle Kiwi und seine Handlungen. Auch das ist typisch Neuseeland: Anstatt „die anderen“ zu beschuldigen und staatliche Regelungen zu fordern, gehen die Kiwis los und räumen ihre Strände auf. „Wir als Individuen verursachen das Problem; den Planeten wird niemand anders für uns retten“, sagen sie.

Die Reaktionen von Regierungsvertretern und Lobbyisten auf die Warnungen von Wissenschaftlern wie Mike Joy von der Massey University waren dagegen beschämend. Während tausende Kiwis aktiv versuchen, ihre Umwelt zu schützen und sie von Müll zu säubern, wurden wissenschaftlich fundierte Mahnungen vor wachsenden Umweltschäden mit billigen rhetorischen Ausweichmanövern abgetan und mit Verweis auf Wirtschaftsschädigung (die Arbeitsplätze!! Wir Deutschen kennen das ja) als „Verrat“ gegeißelt.

Besonders Premier John Key verschwurbelte sich in Ausflüchte, verglich die „100 % Pure“-Kampagne mit McDonald’s-Werbung und regte an, das alles „mit einer Prise Salz“ zu sehen.  Klasse reagiert, Mr. Key! Das ermutigt die Bürger natürlich ungemein, Verantwortung für den Zustand ihres Landes zu übernehmen, doch, bestimmt.

Klar ist die „100 % Pure“-Kampagne kein Umweltversprechen, sondern ein touristisches. Aber die vielen internationalen Touristen kommen eben vor allem, weil Neuseeland für sie als unberührt, unverschmutzt und idyllisch gilt. Neuseelands Ruf als sauber und grün hat einen messbaren Wert: 2005 waren es über 20 Milliarden Dollar pro Jahr. Das Öko-Image ist zentral für das Profil exportierter Waren, und natürlich für den Tourismus.

Der attackierte Dr. Joy hat kein Problem damit, dass sich Neuseeland im Ausland als „pur“ präsentiert – er wünscht sich nur, man würde sich nach diesem Anspruch auch richten.

 

1 Kommentar

  • Hobbit, Hobbit … oh je … aber das Thema 100% pure = 100% b.s. ist nicht neu, und hat es bisher nicht über die Landesgrenzen geschafft. Siehe auch meinen uralten Artikel dazu: http://www.nz2go.de/pures-neuseeland/626/

    Genauso wie sich die meisten in eine Mittelerde reinträumen, werden sich die wenigsten ihre Vorstellungen von Neuseeland von der Realität durcheinanderbringen lassen. Neuseeland profitiert dabei einfach auch von der Entfernung, und der medialen Coverage die gegen Null geht, ausgenommen eben diese unsäglichen Hobbits, und ähnlich vom Alltagsleben Entrücktes.

    Interessant trotzdem, dass ein Land bei irgendeinem Index innerhalb von 4 Jahren um 14 Plätze abstürzt. Woran lag es? Gravierende politische Änderungen habe ich nicht bemerkt.

    Übrigens setzt das visionäre Establishment Neuseelands ja inzwischen viel auf Bergbau. Noch läuft aber der kreditgefütterte Boom bei Immobilien, und verschiedene Umweltorganisationen machen Krach, wenn z.B auf der Coromandel gegraben werden soll. Aber warte mal bis die Kreditbonanza vorbei ist, und die neuseeländische Nomenklatura neue Geldquellen braucht. Dann ist 100% schnell gegessen.

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