Eure Neuseeland-Reisen mit Kind

Blog-Interview: Auswandern nach Neuseeland, gewusst wie

Anja lebt mit Mann und drei Mädels seit siebeneinhalb Jahren in Wellington – die großen Töchter sind acht Jahre alt. Ja, richtig: Anja und Gunnar sind mit zwei (!) Babys (!!) nach Neuseeland gezogen – und ohne Arbeitsvertrag. Wie sie das gemacht haben, warum sie immer noch da sind und was sie anderen Eltern empfiehlt, erzählt uns Anja im Interview.

Auswandern nach NZ (c) Anja Schönborn

Drei kleine Kiwis: die Mädels von Anja und Gunnar (c) Anja Schönborn

Weltwunderer: Liebe Anja, stell unseren Lesern doch bitte kurz deine Familie vor: Wer seid ihr heute und wer wart ihr, bevor ihr nach Neuseeland ausgewandert seid?

Anja: Wir leben seit 7,5 Jahren in Wellington. Unsere Zwillinge Mia und Amy sind heute acht, Nelly wird im Juni fünf und kommt einen Tag nach ihrem Geburtstag in die Schule. Sie ist von uns fünfen der einzige „echte Kiwi“ mit neuseeländischem Pass.

WW: Warum wolltet ihr eigentlich auswandern und warum gerade nach Neuseeland?

Anja: Eigentlich wollten wir niemals aus Deutschland weg. Wir hatten die perfekten Jobs, tolle Freunde und Familie. Noch kinderlos hatten wir Freunde in Australien besucht und waren dann zwei Wochen in Neuseeland. Klar fällt der Abschied nach jedem Urlaub schwer, aber in Neuseeland war es anders: Schon als wir in Auckland ankamen, war es so, als ob wir irgendwie hierher gehören. Dieses Gefühl hatte ich vorher noch nie gehabt.

Wir sind dann im gleichen Jahr noch einmal nach Neuseeland geflogen, es folgten unzählige Urlaube und jedes Mal wuchs der Wunsch, hier zu leben. Die Zwillingsschwangerschaft verzögerte den Versuch dann noch um zwei Jahre.

WW: Was habt ihr euch vom neuen Leben in Neuseeland erwartet bzw. erhofft?

Anja: Erhofft haben wir uns gar nichts, wir sind ziemlich unbedarft in das Abenteuer gestolpert. Wir wollten es einfach nur mal probieren. Der Lifestyle, die Landschaft und das Leben hier, davon träumten wir, wir fühlten uns Neuseeland irgendwie verbunden. Dass wir beim Job Abstriche machen müssen, was Karriere und Einkommen anbelangt, war uns vorher klar und das haben wir damals gern in Kauf genommen.

Auswandern nach NZ (c) Anja Schönborn

Siebeneinhalb Jahre später: Anja mit Mia (oder Amy?) (c) Anja Schönborn

WW: Auswandern ist ja was ganz anderes als Reisen – wie lange im Voraus habt ihr mit der Planung angefangen?

Anja: Im Einstufungstest NZQA fehlten Gunnar fünf Punkte zur Einwanderung. Ohne Job kein Auskommen, ohne Auskommen keine Auswanderung. Deshalb buchten wir etwa ein halbes Jahr vorher Return-Flüge und gaben uns zwei Monate Zeit, in denen Gunnar einen Job finden musste. Klappt es, bleiben wir, haben wir keinen Erfolg, gehen wir zurück und müssen uns dann aber nicht im Alter im Lehnstuhl vorwerfen: „Warum haben wir es nie versucht!?“

(Auflösung: Es klappte. Auch Anja begann nach einem halben Jahr, freiberuflich als Journalistin zu arbeiten. 2009 gründeten die beiden „Treetop Media„, eine Medienproduktionsfirma für den deutschen und den neuseeländischen Markt.)

WW: Was haben eure Familien zu eurer Entscheidung gesagt?

Anja: Für die Großeltern war es wohl am schlimmsten. Sie hatten sehr lange auf Enkel gewartet und als ich schwanger wurde, atmete man schon heimlich auf. Dass wir es trotzdem versuchen würden, war ein recht harter Schlag. Allerdings hätten sie uns nie gestoppt. Jedes Familienmitglied hat uns zugesprochen, es sei unser Leben und sie würden das voll respektieren.

Die Großeltern kamen uns übrigens ganz schnell besuchen – aus Sehnsucht und Neugier. Wir haben sie mit dem Neuseeland-Virus infiziert, meine Mutter und meine Schwiegermutter kommen seither jedes Jahr.

WW: Wie lange hat es gedauert, bis ihr „angekommen“ wart?

Anja: Ankommen geht schnell, wenn man seinen Alltag komplett neu organisieren muss, besonders mit Kindern: Wo bekomme ich was, Versicherungen, Miete, Autokauf, Ärzte … Für mich markierten ein gewisses „inneres Ankommen“ neue Freunde, mit denen man sich austauschen konnte und die mir auch ein wenig die Familie ersetzten. Für meinen Mann war die Ankunft unseres Containers nach drei Jahren, sprich unserer eigenen Habseligkeiten, ein großer Faktor.

WW: Hat das Auswandern eure Beziehung belastet?

Anja: Wenn man in der Fremde gemeinsam durch unzählige Höhen und Tiefen geht, schweißt einen das eher zusammen. Allerdings habe ich viele Beziehungen hier scheitern sehen, weil ein Partner bleiben wollte, der andere aber zu großes Heimweh hatte.

WW: Ist das Auswandern mit Kindern leichter oder schwieriger, wie beurteilst du das im Nachhinein?

Anja: Die Kinder haben an unserer Entscheidung gar nichts geändert. Sie gehören zu uns, wir haben sie eben einfach mitgenommen. Wer Kinder hat, kann sich sogar freuen – da hat Neuseeland wirklich viel zu bieten.

WW: Gewöhnt man sich irgendwann an die Winter in den nicht isolierten Häusern?

Anja: Nach fünf Jahren habe ich nicht mehr so gefroren, aber gewöhnen mag ich mich daran nicht. Als wir unser Haus gekauft haben, war klar, da muss eine Gaszentralheizung rein. Heute ist also alles bestens.

WW: Sind eure Kinder Neuseeländer oder Deutsche?

Anja: Beides! Sie sind wirklich zweisprachig und haben einen perfekten Einblick in beide Kulturen. Sie lieben den Strand, die Natur und kennen sich mit Meeresbiologie und ANZAC Day fast besser aus als wir J Auf der anderen Seite feiern wir Ostern wie in Deutschland und Weihnachten immer noch am 24. Dezember. Außerdem lieben sie unseren ganz privaten St.-Martins-Laternenumzug im neuseeländischen Herbst. Wenn wir in Deutschland zu Besuch sind, finden sie die alten Schlösser und auch die deutsche Schule spannend. Sie sind perfekt adaptionsfähig, in beiden Ländern – ein wahres Geschenk!

WW: Was ist deiner Meinung nach der größte Unterschied einer Kindheit in Neuseeland zu der in Deutschland?

Anja: Ich denke, in Neuseeland geht es ein klein wenig mehr um die Kinder. In jedem Lokal gibt es Spielzeugkörbe, fantastische Spielecken, Kindergerichte usw. – man ist mit Kindern überall gern gesehen. Außerdem wachsen die Kinder hier mit weniger Druck auf. Die Schule ist eher spielerisch, es gibt keinen Leistungsdruck, der ihnen Bauchschmerzen bereitet. Die Produktauswahl ist wesentlich geringer, der Konsumrausch zieht also – bislang – an ihnen vorbei. Physisch wird hier dagegen viel mehr gefordert, alle drei klettern beispielsweise wie die Äffchen. Die viele Natur, „the Outdoors“ – das ist schon was Besonderes.

Auf der anderen Seite fehlen eben klassische Musik, Historie und die Möglichkeit, in den Ferien mal schnell nach Italien, Österreich, Dänemark, Frankreich oder in ein anderes europäisches Land zu fahren. Und das soziale Netz, besonders was Familien anbelangt, ist in Deutschland ungeschlagen.

Auswandern nach NZ (c) Anja Schönborn

Auf dem Schulhof in Wellington (c) Anja Schönborn

WW: Was bestärkt euch in eurer Entscheidung zum Auswandern?

Anja: Die Leichtigkeit, mit der man hier durch den Alltag geht. Es gibt nicht nur ein größeres Miteinander in der neuseeländischen Gesellschaft, der „Kiwi Way of Life“ beinhaltet auch mehr Selbstverantwortung. Es gibt hier nicht so viele Spießer 😉 Und natürlich die tolle Natur …

WW: Gibt es auch Dinge, die euch an bzw. in Neuseeland nerven – abgesehen vom Brot …?

Anja: Brot ist schon lange kein Thema mehr, man muss nur wissen, wo man was bekommt. Was uns wirklich ärgert, sind das oft fehlende Umweltbewusstsein und die teilweise wirklich nicht vorhandene Zukunftsperspektive vieler Kiwis in Hinblick auf Umwelt, Recycling usw. Ein definitiver Abwägungsfaktor sind außerdem die Erdbeben und andere Naturkatastrophen.

WW: Was würdet ihr anderen Eltern empfehlen, die nach Neuseeland auswandern wollen?

Anja: Wir haben viele Deutsche kommen und gehen sehen. Für die Kinder ist es am einfachsten, sie finden sich schnell zurecht, auch wenn sie noch kein Englisch können. Die Kids hier sind auch offen gegenüber allen Nationalitäten, es ist eben eine Multi-Kulti-Gesellschaft. Deutsche Schulkinder sind vor allem in Mathe meist viel weiter, also rein leistungstechnisch kommen sie super mit. Der Unterschied in der Art, wie unterrichtet wird, überrascht jedoch viele deutsche Kinder positiv: Es gibt viel individuelle Förderung, ein unglaublich soziales Gefüge, man ist mit Sicherheit keine bloße Nummer.

In puncto Freundschaften haben es Eltern viel leichter: Auf dem Spielplatz habe ich meine ersten Freundschaften geschlossen. Wer noch keine Kinder im Schulalter hat, findet in Kindergarten, Playgroups, Toy Library usw. garantiert Anschluss.

WW: Habt ihr vor, jemals nach Deutschland zurückzukommen?

Anja: Wir fahren alle zwei Jahre nach Deutschland und haben immer noch sehr enge Freunde und Familie dort. Wenn wir uns mit den engsten Bekannten treffen, ist es jedes Mal so, als wären wir nie weg gewesen. Der Abschied ist immer am schlimmsten 🙂

Zurückkommen? Vielleicht. Wenn die Eltern krank werden oder so – wir sind ja nach Neuseeland gezogen, weil es für unseren Lebensabschnitt eben so unser Wunsch war. „Immer“ kann man doch nie sagen, oder?

WW: Unsere letzte Frage: Dürfen wir euch besuchen, wenn wir mal wieder nach Neuseeland kommen?

Anja: Logo, meldet euch, wenn ihr hier runter kommt! Wir freuen uns immer über Besuch aus der Heimat …

Wer mehr darüber lesen will, wie Anja und ihre Familie das erste Jahr in Neuseeland geschafft und erlebt haben, der kann ihr sehr persönliches Buch lesen: „[amazon_link id=“3451059681″ target=“_blank“ locale=“DE“ container=““ container_class=““ ]Ein Jahr in Neuseeland[/amazon_link]“, erschienen beim Herder Verlag, zu kaufen für aktuell 10 Euro.

1 Kommentar

  • Hi,

    ich betreibe die Seite rentner-netzwerk.de und werde euren Blog auf jeden Fall meinen Senioren empfehlen. Wirklich sehr interessant, lesenswert und informativ. Bin schon seit längerem ein stiller Leser, doch jetzt muss ich einfach mal DANKE sagen für diese tolle Seite – macht weiter so!!

    Lieben Gruss
    Stephie

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