Meinung

Ein Herz für Possums

Kennt ihr die? Sie sind etwa 50 Zentimeter groß, weich und wollig, haben runde Knopfaugen und einen buschigen Schwanz, sitzen in Bäumen und tragen ihre ebenfalls sehr kuscheligen Jungen vier Monate lang in einem Beutel herum. Ihr wichtigstes Merkmal aber: Man sieht fast immer nur in zweidimensionaler Form – nämlich plattgefahren auf dem Highway.

Dead possum (c) Wikimedia Commons

Die Geschichte, die die Neuseeländer jedem Touristen erzählen, geht so: Jaa, die sind schon süß, die Viecher, so schönes weiches Fell! Aber das darf man nur in Australien sagen, da sind die Possums nämlich selten. Hier sind sie die Inkarnation des Bösen! Tod den Possums!!

Im „Farmyard Holiday Park in Geraldine“ sitzt Sammy, das Possum, in einem Maschendrahtkäfig. Wenn die Abenddämmerung einsetzt, kommt er langsam und behäbig aus seinem Häuschen gewankt, setzt sich an den Zaun und kaut im Zeitlupentempo an einem Ast. Dabei schaut er mich durch die Maschen an, als würde er sagen: „Hat denn mal einer uns Possums gefragt??“

Nach Godzone sind sie nicht freiwillig gekommen; im Gegenteil, man hat sie eingeführt, um sie als Pelztiere zu nutzen (ergo: zu töten). Die Possums waren aber schlauer als gedacht und schlugen sich flugs in den unzugänglichen neuseeländischen Busch. Wer will es ihnen verdenken?

Das Problem: Dort hocken sie auf Bäumen und fressen in aller Ruhe die zarten Knospen und auch so manches Kleintier wie den Kiwi (oder zumindest seine Eier). Weder die neuseeländische Fauna noch die Flora kann sich dagegen wehren – und da die Evolution das Paradies Neuseeland noch nicht einmal mit potenten Fressfeinden ausgestattet hat, können sich die knuddeligen Tierchen auch problemlos vermehren.

Es gibt in Neuseeland natürlich noch mehr eingeführte Tiere, die sich schnell als potente Schädlinge der einheimischen Lebenswelt erwiesen. Hunde und Katzen beispielsweise. Oder Igel. Oder Hirsche. Aber wurden die mit einer Welle aus Hass überzogen und bei jeder Gelegenheit brutal getötet und auch noch auf geschmacklose Weise verhöhnt?

best-dressed-dead-possum (c) Jonathan Cameron/Taranaki Daily News

Wenn es um Possums geht, wird selbst der freundlichste Kiwi, der sich glühend für die Arterhaltung des kleinsten Vögleins einsetzt, zum kaltblütigen Mörder – für Autofahrer gehört es zum guten Ton, ein Possum am besten zweimal zu überfahren.

Total pervers finde ich persönlich es ja, wenn in Restaurants „Roadkill of the Day“ angeboten wird, am liebsten als Kiwi-Original: Possum Pie. Da können die Besitzer des „Bushman’s Centre“ in Pukekura an der West Coast zehnmal erzählen, sie würden ja nur die getöteten Tiere sinnvoll nutzen wollen – gekauft wird das Zeug garantiert nicht wegen des guten Geschmacks, sondern wegen des schlechten (Witz beabsichtigt).

Würde Possum-Fleisch nämlich schmecken, gäbe es das doch bestimmt im Supermarkt zu kaufen – wie Hirschfleisch zum Beispiel. Gibt es aber nicht.

 

Dass man Touristen außerdem allerlei Produkte aus dem schönen, weichen Possum-Fell andrehen will, ist ja irgendwie noch verständlich – zu diesem Zweck wurden die armen Tiere ja ursprünglich angeschafft. Dabei hat man ein derartig gutes Gewissen, dass die Firma Envirofur ihren Possum-Pelz tatsächlich als „umweltfreundlich“ anpreist. Ich bitte euch – was ist daran umweltfreundlich, einem Tier das Fell abzuziehen?? Ach ja, es bedroht die neuseeländische Tierwelt. Dann ist es ja okay.

Nipple warmers in NZ (c) Flickr/annbennington

(c) Flickr/annbennington

Ich möchte ja erstens bezweifeln, dass die vielen „nipple warmers“, „willy warmers“ und Hausschuhe zu Hause in Europa tatsächlich getragen werden; das Pelz-Image dürfte hier (zum Glück!!) nachhaltig beschädigt sein. Zweitens möchte ich bezweifeln, dass die wirtschaftliche Nutzung des Possum-Pelzes einen sinnvollen Beitrag dazu leistet, den neuseeländischen Busch zu schützen.

Tatsächlich attestiert sogar das DOC, das ja sozusagen auf der Seite des Busches steht und in Possums keine Tiere, sondern Schädlinge sieht, der Pelzindustrie nicht nur ein Versagen bei der Schädlingskontrolle, sondern im Gegenteil sogar die Verstärkung des Problems!

Der Grund ist ganz einfach: Zahlt man eine feste Prämie pro Kilogramm Pelz oder pro Tier, lohnt sich das Fallenstellen im Busch nur so lange, wie die Population von Possums sehr dicht ist. Sinkt sie unter einen bestimmten Wert, verdient der Fallensteller nicht mehr genug. Die letzten Tiere einer Population erwischt man auf diese Weise also nie; es bleiben immer genug übrig. In der Vergangenheit kamen clevere Trapper sogar auf die Idee, Possums in der Nähe ihrer Wohnorte einzuführen, damit sie es leichter hatten, diese dann zu fangen.

Der nächste Schritt einer wirtschaftlich denkenden Pelzindustrie wäre zwangsläufig, Possums gezielt in Farmen zu züchten. Warten wir es ab …

Die Animal Liberation Front weist derweil süffisant darauf hin, wer tatsächlich die größte Gefahr für die neuseeländische Pflanzen- und Tierwelt darstellt und wer bisher den größten Teil des neuseeländischen Waldes zerstört hat: der Mensch.

Cute Possum (c) Flickr/Dean Ayres

(c) Flickr/Dean Ayres

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