Gut zu wissen

Erdbeben in Neuseeland: Wie viele Sorgen müsst ihr euch machen?

Neuseeland ist ein Traumland, und alle wollen gern hin – bis mal wieder eine Erdbebenmeldung durch die Nachrichten läuft. Das Beben, das im Februar 2011 große Teile von Christchurch zerstörte, ist vielen noch im Gedächtnis. Aber wie gefährlich ist denn nun so ein Erdbeben in Neuseeland?

Flickr_mattdwen Christchurch

Christchurch nach dem Beben im Februar 2011 © Flickr/mattdwen

Die schlechte Nachricht: Neuseeland ist tatsächlich eines der erdbebenreichsten Länder der Welt. Kein Wunder, es liegt ja auch direkt auf dem pazifischen „ring of fire“, wo sich die Pazifische Platte unter die australische Platte schiebt. Die schönen Folgen sind die wunderbaren Thermalgebiete und die Vulkane im Tongariro National Park auf der Nordinsel, auf der Südinsel ist vor allem der Mount Cook als höchste Erhebung der Southern Alps ein spekakuläres Resultat der Plattentektonik.

Die schlechte Folge dieser unterirdischen Aktivitäten sind jedoch etwa 15.000 Erdbeben pro Jahr (!). Zwar sind nur mindestens 100 von denen so stark, dass sie auch bemerkt werden, aber die haben es mitunter in sich.

Erdbeben in Neuseeland – die schlimmsten Katastrophen

Zu den schwersten Erdbeben in der neuseeländischen Geschichte seit Ankunft der europäischen Siedler (die Maori haben darüber keine Aufzeichnungen gemacht, das Ganze wahrscheinlich lieber verdrängt und es dann den Pakeha in die Schuhe geschoben) gehört das Beben in der Hawke’s Bay, bei dem unter anderem die Stadt Napier 1931 dem Erdboden gleichgemacht – und danach in schönstem Art-deco-Stil wieder aufgebaut wurde. Hierbei kamen über 130 Menschen ums Leben, die meisten allerdings bei nachfolgenden Bränden.

Ansonsten ist die Liste der neuseeländischen Erdbebenkatastrophen sehr kurz: Das einzige weitere Beben, bei dem mehr als 17 Tote zu beklagen waren, war dann schon das Beben von Christchurch im Jahr 2011. Mit 185 Toten, mehr als 4.000 Verletzten und vor allem mehr als 16 Milliarden NZ$ an wirtschaftlichen Schäden darf es als schlimmstes Beben ever gelten, obwohl die Stärke von 6,3 als eher mickrig zu bewerten ist.

Die richtigen Katastrophen liegen wahrscheinlich noch in der Zukunft. An der gefährlichsten Erdbebenzone, der „alpine fault line“, ist nämlich seit 1717 nichts mehr passiert, obwohl es in den Jahrtausenden zuvor (jaha, das kann man messen) etwa alle 160 Jahre ein schweres Beben dort gab, das die Spannung entlastete. Sollte es in dieser Zone ein erneutes Beben geben – und das ist mehr als wahrscheinlich -, dann wird es ein gewaltiges sein. Man rechnet mit einer Stärke von mindestens 8 auf der Richter-Skala, und diesen Kräften hält keine Erdbebensicherung stand.

Das Erdbeben von Christchurch, das sich in einer bis dato völlig unverdächtigen Gegend ereignete, zeigte eindrucksvoll, was die Wissenschaft alles übersehen kann. Seitdem stellten Bohrungen fest, dass es parallel zur „alpine fault line“ noch mehrere weitere Zonen auf der Südinsel gibt, die unter großer Spannung stehen und jederzeit und überall neue Brüche und Risse hervorrufen können.

Flickr_Remedy Loame Ruahine Fault Line

Die Ruahine Fault Line ist von oben deutlich zu erkennen © Flickr/Remedy Loame

Erdbeben-Panik? Nein, Entwarnung!

Jetzt aber genug mit der Angstmache. Glaubt man Wikipedia, ist es echt wahr: Die allermeisten Erdbeben in Neuseeland gehen sehr glimpflich aus. Dabei werden Stärken von bis zu 8,2 auf der Richterskala verzeichnet, teilweise hob sich das Land um bis zu sechs Meter (die entstandenen Fault Lines kann man auf sehr lehrreichen Wanderungen, etwa in der Nähe von Wellington, nachverfolgen).

Da die Neuseeländer mit Erdbeben reichlich Erfahrung haben, muss man sich kaum Sorgen machen. Seit 1855, als ein starkes Erdbeben große Teile von Wellington zerstörte (aber kaum jemand zu Schaden kam!), gibt es strenge Bauvorschriften. Da Holzhäuser, wenn sie einstürzen, weniger Schaden anrichten (und weniger kosten) als Betonhäuser, baut man in Neuseeland nach wie vor billig und schlecht isoliert mit Holz. Die zweite Regel lautet: Auch wenn sich Beschädigungen nicht vermeiden lassen, muss ein Einsturz möglichst vermieden werden.

Die meisten Gebäude, die 2011 in Christchurch einstürzten, waren denn auch historische Kirchen und Häuser, und viele modernere Gebäude war durch das viel stärkere vorherige Beben im September 2010 bereits vorgeschädigt gewesen. Und der Hauptgrund: Für die Region Canterbury war mit einem so starken Beben schlichtweg nicht gerechnet worden. Das dürfte jetzt definitiv anders sein.

Flickr_New Zealand Defence Force

© Flickr/New Zealand Defence Force

Und was geht das uns Touristen an?

Viele Menschen stellen sich Erdbeben als Horror-Katastrophe vor, bei der man in kilometertiefe Erdspalten fällt (gibt es nicht!) oder von Hauswänden erschlagen wird (gibt es schon). Neuseeländische Schulen und Firmen trainieren regelmäßig den Ernstfall – am „Big Shake-out day“ wird geübt, wo man hinlaufen soll oder wo man Schutz suchen kann, wenn es bebt.

Menschen sterben nämlich nicht durch Erdbeben, sondern durch ihre Folgen.

Ein Facebook-Kommentar zu unserer Frage, wie sich denn das Erdbeben vom 12. Mai 2016 (Stärke: 5,2) im Süden der Nordinsel angefühlt hätte, sagt lapidar: „Es hat ein paar Sekunden gewackelt, das wars.“ Und genauso wird es wohl der großen Mehrheit aller Menschen gehen, die in Neuseeland ein Erdbeben erleben – der Boden wackelt kurz von links nach rechts und von vorn nach hinten, vielleicht fallen ein paar Gläser aus dem Regal, und das war’s. Mehr als ein paar Sekunden dauert auch der stärkste Erdstoß nicht!

Die generellen Anweisungen, was man bei einem Erdbeben tun und lassen sollte, könnt ihr in diesem wunderschön illustrierten Blogbeitrag nachlesen. Etwas ernsthafter und ausführlicher ist das Ganze in diesem PDF-Merkblatt der Helmholtz-Gesellschaft Potsdam formuliert – denn auch in Europa ist die Gefahr eines Erdbebens durchaus real!

Aber was ist für uns Neuseeland-Besucher ein realistisches Szenario?

Die größte Zeit ihrer Neuseeland-Reise verbringen die meisten von ja nicht in Gebäuden oder Städten, sondern draußen in der Natur oder in ihrem Campervan.

  • Was passiert draußen bei einem Erdbeben?

Wahrscheinlich nicht viel. In der Nähe von Felsen mit lockerem Gestein kann es zu Abgängen von Geröll kommen, und an steilen Hängen gibt es mitunter Erdrutsche, wenn lockerer Grund „losgeschüttelt“ wird. Bäume fallen in der Regel nicht um, und Erdspalten tun sich nicht auf, sondern verschieben sich in Längsrichtung. Ihr fallt also höchstens hin oder um, bekommt Steine oder Erde auf den Kopf und steht vielleicht überraschend einem Fluss gegenüber, der wegen einer Verschiebung seinen Lauf geändert hat.

  • Was passiert im Campervan bei einem Erdbeben?

Der Campervan an sich wird nicht stärker wackeln, als er es beim Befahren einer ortsüblichen „gravel road“ tut. Da ihr ja sowieso immer alles vorbildlich festschnallt und verpackt, fällt euch im Fahrzeuginneren auch nichts auf den Kopf. Im Gegenteil: Hier drinnen seid ihr wahrscheinlich optimal erdbebensicher aufgehoben.

Da Erdbeben ohne Vorwarnung passieren, werdet ihr kaum Gelegenheit haben, an den Straßenrand zu fahren. Fängt die Erde also an zu wackeln, wenn ihr gerade fahrt, geratet ihr eventuell ins Schlingern oder rutscht von der Straße. Da heißt es einfach: vorsichtig manövrieren und möglichst anhalten, sobald es bebt. Da Straßen bei einem Erdbeben durchaus abrutschen oder aufbrechen können, und Überführungen und Brücken einstürzen können, ist natürlich Vorsicht angesagt.

Es ist auch denkbar, dass Telefon- und Stromleitungen samt ihrer Tragmasten um- und auf euch drauffallen – Obacht! Durch umstürzende Bäume kommen immer wieder Autofahrer ums Leben, kürzlich erst am Milford Sound in Neuseeland. Mit dem Dachaufbau eines Campervans seid ihr aber unter den Umständen bestmöglich geschützt.

Flickr_Martin Luff Eartquake NZ

Das kann euch schlimmstenfalls im Campervan passieren © Flickr_Martin Luff

  • Tsunami!

Glaubt man den zahlreichen Warnschildern an der Ostküste Neuseelands, sind Tsunamis tatsächlich realistische Gefahren, die einem Erdbeben – oder besser: Seebeben – folgen können. Haltet ihr euch in einem Tsunami-Gebiet auf, solltet ihr sicherheitshalber vor dem Zubettgehen checken, in welche Richtung ihr notfalls am besten fliehen könnt. Die Devise lautet: möglichst weit nach oben, möglichst weit ins Landesinnere. Mit eurem Campervan seid ihr dafür jedenfalls optimal gerüstet.

Einen „richtigen“ Tsunami, wie wir ihn aus Thailand oder Japan kennen, hat es in Neuseeland noch nie gegeben. Aber ordentliche Schäden entstehen trotzdem hin und wieder, wenn schwere Erdbeben an den Küsten Südamerikas oder Japans auftreten. Das Gute: Bei so weit entfernten Beben brauchen die Wellen fast zwölf Stunden bis an Neuseelands Küsten. Die Bevölkerung wird dann über Radio, Fernsehen und öffentliche Lautsprecher gewarnt und zur Evakuierung aufgefordert – so einen Aufruf würdet ihr ziemlich sicher mitbekommen, und so einen Aufruf gab es in Neuseeland erst einmal (das war 1960, und er war umsonst – der angekündigte Tsunami kam nicht).

Bei lokalen Erdbeben gibt es dagegen keine Vorwarnzeit – wenn ihr euch also in Neuseeland an der Küste aufhaltet und ein Erdbeben bemerkt, sei es auch noch so klein, dann geht auf Nummer sicher und fahrt ein Stück landeinwärts, um auf mindestens 35 Meter Höhe über den Meeresspiegel zu kommen. Zumindest solltet ihr euch bei der örtlichen Stadtverwaltung oder in der i-Site erkundigen, was zu tun ist.

Neuseeland Tsunami

Auf Coromandel nimmt man die Tsunami-Gefahr ernst

Wo sind wir in Neuseeland vor Erdbeben sicher?

Das Beben von Christchurch hat gezeigt, dass Brüche in der Erdkruste auch versteckt sein und sehr plötzlich „zum Leben erwachen“ können. Nichtsdestotrotz gibt es einige Regionen in Neuseeland, in denen die Wahrscheinlichkeit für ein Erdbeben definitiv höher ist.

Wenn ihr also absolut auf Nummer sicher gehen wollt, ohne eure Neuseeland-Reise ganz abzublasen, dann könnt ihr eure Reiseroute an dieser Karte ausrichten. Viel Spaß im Northland, und die Catlins sind auch sehr nett!

Te Ara Earthquake Risk Zones New Zealand

© Te Ara New Zealand/GNS Science

3 Kommentare

  • Kia Ora
    Bin im Moment auf der Nordinsel unterwegs und habe das Beben auf Montag ‚live“ mitbekommen. Mein Camper, ein grosser MB Sprinter hat „gewackelt wie ein Kuhschwanz“, wie wir in BaWü sagen, ich bin davon wach geworden, aber mehr auch nicht. Die Einheimischen gingen damit sehr routiniert um, u.a. per Info-Anschlag an den Toilettentüren, aber umfassend und ständig aktualisiert informierend. Das, und der Umstand, daß das Epizentrum im Süden lag und die Tsunami-Warnung früh zurückgenommen wurde, sorgte für einigermaßen relaxte Atmosphäre. Kommt dazu, dass man in Piha von praktisch überall innerhalb von 30 Sekunden in Höhen gelangt, die tsunamisicher sein dürften.
    Liebe Grüße, Rainer

  • Hallo liebe Jenny,
    erstmal ein dickes, dickes Dankeschön fürs Verlinken unseres „wunderschön illustrierten Beitrages“, mein Sohn freut sich mindestens so sehr wie ich über die vielen positiven Rückmeldungen zu seinen Zeichnungen. Wow, dass es in eurem Weltwunderland 100 Erschütterungen pro Jahr gibt, die man spürt, das ist schon eine Menge, das wäre ja so jeden 3. Tag eines… In Ecuador habe ich auf meinen monatelangen Reisen zwar auch so zwei oder drei kleine „Temblores“ erlebt (so nennt man dort die ungefährlichen Kleinbeben), aber halt nicht so häufig. Inzwischen ist das anders, der Untergrund ist nach dem Erdbeben noch sehr aktiv, fast täglich gibt es kleine Nachbeben. Das kenne ich von früheren Reisen nicht und bin gespannt wie das wird, wenn wir Ende Juni mit Kind und Kegel hinreisen. Vielleicht sollten wir uns auch besser einen Camper besorgen? 😉 Aber wie du so schön schreibst, ein kleines Beben ist noch kein Weltuntergang (und ich hoffe doch, dass es sich fürs erste mit großen Beben erledigt hat). Ich wünsch eurer Weltwunderfamilie alles Gute und weiterhin so viel Spaß am Leben, Reisen und Schreiben!
    Liebe Grüße
    Iris

    • Liebe Iris, wir haben in insgesamt elf Wochen Neuseeland kein einziges Beben gespürt – und während des großen Bebens in Christchurch waren wir sogar im Land! Man sieht also, alles nur halb so wild. Wir drücken euch natürlich trotzdem die Daumen für eure Ecuador-Reise, aber ihr seid ja in Sachen Sicherheit und Vorsorge auch bestens informiert 😉

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