Gut zu wissen

„Do as the locals do“ – Verhaltensregeln in Neuseeland

„When in New Zealand, do as the Kiwis do“ – ein weiser Ratschlag, der gerade für uns Deutsche von der anderen Seite des Erdballs allerdings nicht so leicht zu befolgen ist. Von den speziellen Fettnäpfchenfallen und ihrem kulturellen Hintergrund erzählen wir heute mal.

Das Problem: Neuseeland und seine Bewohner (wenigstens die europäischstämmigen) sehen auf den ersten Blick sehr vertraut, weil europäisch aus. Die Mentalität der Kiwis ist aber eine ganz andere!

Sorry nice people only sign (c) FlickR/geoftheref

(c) FlickR/geoftheref

Der wissenschaftlich begründbare Hintergrund (hey, ich hab ein Diplom!): Wir Deutschen leben in einer sogenannten “low context culture”. Hier bilden die Wörter selbst den Inhalt der Kommunikation. Fragt uns jemand, wie es uns geht, denken wir kurz nach und antworten dann – kurz, aber ungefähr wahrheitsgetreu.

In Neuseeland treffen wir auf eine „high context culture“: Hier macht der Ton die Musik, wichtiger als die konkreten Worte ist der Kontext (etwa der Ort eines Gesprächs, die Körpersprache der Teilnehmer oder ihr sozialer Status). Die Interpretation dieses kulturellen Codes erfolgt großteils unbewusst, was es sehr schwer macht, ihn zu erlernen oder auch nur als Code zu erkennen. Fragt uns in Neuseeland jemand, wie es uns geht, erwartet er keine ehrliche Antwort – oder jedenfalls nicht die, die wir für die korrekte halten. Denn mit seiner Frage hat er gar nicht wissen wollen, wie es uns geht, er wollte vielmehr einfach „Hallo“ sagen.

Während die Kiwis uns Deutsche daher als rechthaberisch, überernst, taktlos oder unsensibel wahrnehmen, weil wir ihre feinen Signale nicht wahrnehmen, finden wir die Neuseeländer zwar freundlich, aber oberflächlich und schwer zu durchschauen.

Dear Australia street sign NZ (c) FlickR/Sweet One

(c) FlickR/Sweet One

Praxis-Tipp: Smalltalk ist Smalltalk! Wenn ein Kiwi fragt: „How are you today?“, will er keine ehrliche, ausführliche Antwort hören. Nur wenn man dem Tode nahe ist, darf man antworten „Could be better“, ansonsten hat man ein strahlendes „Fine, and you?“ zu äußern. Dasselbe gilt übrigens für die höfliche Frage „How are you enjoying your holiday?“.

Etwas enthusiastischer darf man auf „How do you like New Zealand?“ reagieren – es freut die Neuseeländer wirklich, wenn man ihr Land mag und in den Himmel lobt. Meckern und Kommentare wie Na ja, es ist schon nett, aber die Viehhaltung scheint das Wasser schon sehr zu verschmutzen“ sollte man sich verkneifen.

Neuseeländer sind nicht dumm; natürlich sehen sie die wirtschaftlichen und politischen Probleme, aber darüber wollen sie mit Besuchern nicht diskutieren. Ihr wollt doch auch nicht mit den Gästen eurer Dinnerparty darüber schwatzen, wie man eure ständig nachlaufende Klospülung besser installieren könnte oder ob ihr nicht besser den Müll trennen solltet.

Geht das Gespräch weiter, empfehlen sich als Gesprächsthemen, wenn man sich nicht sehr gut kennt, das Wetter oder Sport; politische Debatten sind dagegen nicht so gern gesehen. Denn: Höflichkeit wird in Neuseeland nicht nur groß, sondern IN VERSALIEN geschrieben.

Das wichtigste Ziel in der Konversation ist, den anderen nicht dumm dastehen zu lassen. Es wird nicht gestritten, auch nicht aus Freude an der Kontroverse. Wir Deutschen gelten in Neuseeland (aber auch in den USA) diesbezüglich als überehrliche Trampel, während wir selbst die ständig um den heißen Brei herumeiernden Kiwis gern als verdruckst missverstehen (siehe wiederum „high context“ versus „low context“).

Thank you sign NZ (c) FlickR/Mr Munnings on tour

(c) FlickR/Mr Munnings on tour

Frei nach dem Motto „Nett ist die kleine Schwester von Sch…“ bemühen sich die höflichen Kiwis, auch unmöglich hässliche oder saublöde Dinge oder Aussagen „irgendwie nett“ zu finden. Wird irgendetwas an euch als „quite nice“ bezeichnet, denkt zweimal nach!

Neuseeländer versuchen in jeder Situation, das Gesicht zu wahren. Schimpfen, sich laut ärgern oder gar ausflippen ist daher extrem uncooles Verhalten. Es sei denn, man ist im Straßenverkehr – hier scheinen gänzlich andere Regeln zu gelten als im Rest der Gesellschaft, wenn man den vielen sarkastischen Berichten über Neuseelands Autofahrer glaubt.

Eng damit verbunden ist das berühmt-berüchtigte „Tall Poppy Syndrome“. Das hat gar nichts mit der Höhe des Wachstums von Mohnblumen zu tun, sondern vielmehr damit, dass die Neuseeländer sich sehr schwer tun, stolz zu ihren eigenen Erfolgen und Leistungen zu stehen – und diese bei anderen offen anzuerkennen. Weil Menschen, die reicher, schöner oder einfach besser als der Durchschnitt sind (und das offen sagen!), gern belächelt oder verspottet werden, unterstellt man den Kiwis, sie wären unambitioniert und würden jeden in ihrer Gesellschaft fertigmachen, der sich mehr Mühe gibt als sie selbst.

Das kann man allerdings auch freundlicher interpretieren: In ihrer unendlichen Höflichkeit und Rücksicht auf andere bedeutet das Herausstellen des eigenen Erfolgs für Neuseeländer, dass man damit automatisch alle weniger Erfolgreichen erniedrigt und als erfolgloser hinstellt. Das wiederum ist extrem schlechter Geschmack und gilt als würdelos. Klingt das nicht viel netter?

Und so funktioniert die gesamte Konversation in Neuseeland: Alles wird möglichst freundlich gesagt, damit man nicht meckern muss. Das klappt hervorragend – in den gesamten zwei Monaten unserer Reise durch Neuseeland habe ich mich tatsächlich kein einziges Mal über jemanden geärgert oder geschimpft. (Und das will bei mir etwas heißen!)

Playground Auckland Planetarium

Wie würde dieses Schild wohl auf einem deutschen Spielplatz lauten?

Das Schöne an der tatsächlich sehr egalitären (und auch kleinen) Gesellschaft sind zwei Dinge:

  • die Gleichbehandlung aller Menschen: Auf der Straße grüßen sich nahezu alle gegenseitig mit einem freundlichen „How’s it going?“, BusfahrerInnen und KassiererInnen sprechen ihre Kunden an, als wären es Freunde, man spricht Fremde ungezwungen an und bietet jedem freigebig seine Hilfe an. (Aber Vorsicht: Einheimische beantworten die Frage nach dem Weg grundsätzlich vage – „just down the road“ kann noch zig Kilometer entfernt sein. Wenn ihr den Weg wirklich finden wollt, nehmt lieber eine Straßenkarte!)
  • das Fehlen von Hierarchien, die uns selbstverständlich vorkommen. Ein Plausch mit dem Premierminister, den man einfach auf der Straße trifft, ist hier wesentlich wahrscheinlicher als in den meisten anderen Ländern der Welt, und auch in geschäftlichen Kontakten nennt man sich beim Vornamen. Der Kontakt mit neuseeländischen Agenturen oder Behörden ist daher auch oft überraschend angenehm, weil man wirklich nett und „auf Augenhöhe“ behandelt wird.

Apropos faul: Arbeit ist Arbeit, und danach ist Feierabend. Das mag uns arbeitsamen und mitunter sogar arbeitsverliebten Deutschen (und erst den Amerikanern!) faul und hinterwäldlerisch vorkommen, aber ganz ehrlich: doch nur, wenn wir mal wieder vor einem schon um 17 Uhr geschlossenen Post Office stehen oder an der Tür des Fish-and-Chips-Shops das Schild „Gone fishing“ sehen. Würden wir hier leben, würden wir es doch ganz genauso machen, oder?

Und: Schaut man sich diese Grafik mit Ergebnissen einer OECD-Untersuchung von 2012 an, leisten die Neuseeländer wesentlich mehr Arbeitsstunden als wir Deutschen. Touché!

Die goldenen Regeln für kulturell sensible NZ-Besucher lauten also:

1. Nehmt soziale Kontakte „für den Moment“ wahr. Freut euch daran, wie nett es jetzt gerade ist und versucht nicht, zu schnell zu sehr in die Tiefe zu gehen. Natürlich kann man auch in Neuseeland sehr gute Freunde finden; es dauert aber ein wenig länger.

2. Statussymbole wie Einkommen, Beruf oder bestimmte Gegenstände haben in Neuseeland viel weniger Bedeutung. Versucht, andere anhand ihren Handlungen zu beurteilen und nicht daran, wie sie aussehen oder wie groß ihr Haus ist.

3. Offene Kritik, Beschweren oder gar lautes Schimpfen sind tabu. Zwischen den Zeilen zu lesen, ist essenziell.

4. Macht euch immer bewusst, dass ihr in einer fremden Kultur unterwegs seid. Wahrscheinlicher, als dass alle Neuseeländer blöd sind oder einen Klatsch haben, ist es, dass ihr mal wieder etwas gründlich missversteht.

5. Die allerwenigsten Neuseeländer (und generell die wenigsten Menschen) wollen euch Böses. Glaubt an das Gute im Menschen und behandelt andere so respektvoll und freundlich, wie ihr es auch selbst erwartet.

Penguin crossing road sign (c) FlickR/fras1977

(c) FlickR/fras1977

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