Meinung

Kritik: Neuseeland „muss“ mehr Touristen anlocken – wirklich?

In den letzten Jahren musste Neuseeland einige schwere Schläge hinnehmen – Weltwirtschafts- und Immobilienkrise, Währungsabwertung, die mysteriöse Kiwi-Krankheit und nicht zuletzt die schreckliche Erdbebenserie, die seit September 2010 Christchurch immer wieder erschüttert. Der Tourismus hat diese Ereignisse erstaunlich unbeschadet überstanden; nicht zuletzt dank einer Welle der weltweiten Unterstützung nach dem Erdbeben im Februar 2011.

Offiziell sind die Besucherzahlen jedes Jahr weiter angestiegen, aber wenn man die Statistiken genauer betrachtet, zeigt sich hier ein kleiner, feiner Unterschied: Statt langzeitreisender Europäer und Amerikaner kommen immer mehr Koreaner, Chinesen und Japaner nach Neuseeland. Die haben es nicht so weit, nehmen sich generell weniger Zeit zum Reisen und treten dabei bevorzugt in Form von Reisegruppen auf – haben also ein gänzlich anderes Reiseprofil als diejenigen Urlauber, die bisher die Hauptzielgruppe der Tourismusindustrie waren.

Das hat Folgen. Die wichtigste: Wer nur wenig Zeit hat, bleibt in den Großstädten und macht kurze Ausflüge und Rundreisen zu den wichtigsten Hotspots. Chinesen buchen wohl meist Reisepakete für Australien, die einen kurzen Abstecher nach Neuseeland beinhalten. Auckland und Rotorua sind die einzigen Städte, die tatsächlich steigende Besucherzahlen verzeichnen. Alles, was weiter außerhalb liegt, vereinsamt.

Kevin Bowler, Vorstand von Tourism New Zealand, proklamierte daher jüngst, man müsse sich an die veränderten Besucherstrukturen anpassen und bei den asiatischen Touristen für längere Aufenthalte im Land werben. „Wir müssen uns fragen, ob wir bereits genügend Angebote haben, die wohlhabende Besucher anlocken. Wir müssen den Komfort und die Dienstleistungen erbringen, welche die Touristen fordern!“, sagte Bowler und meint damit: Wir brauchen mehr Luxushotels mit beheiztem Pool und Casino, so wie es sie im Rest der Welt gibt und so, wie es wohlhabende Asiaten mögen! Tatsächlich ist Bowler der Meinung, dass Neuseeland sogar der anderen Esskultur von Chinesen mehr entgegenkommen und diese befriedigen müsste.

In diesem Moment runzelt sich meine Stirn ganz von selbst. Das hat zwei Gründe: Zum einen habe ich in Neuseeland nie das Angebot von originär chinesischen, koreanischen und japanischen Speisen vermisst – weil es das nämlich allerorten gibt. Nicht umsonst ist Neuseeland Heimat einer großen asiatischen Community. In Neuseeland gibt es ausgezeichnetes Sushi, leckeres hausgemachtes Kimchi und tolles indisches Essen; und das nicht nur in Auckland.

Sushi in Auckland

Zum anderen aber frage ich mich, was ein Land tun kann, sollte und darf, um für Touristen aus anderen Ländern attraktiv zu werden. Ist es nicht genau die landeseigene Kultur, sei es nun in der Küche, in der Art der Menschen oder in der Architektur, die Reisende zum Besuch anregen sollte? Als wir durch Vietnam gereist sind, haben wir uns gefreut, dass wir überall neue vietnamesische Gerichte probieren konnten; dass wir uns auf den Speisekarten der Hotels häufig durch mehrere Seiten mit „Baked Beans“ und „Sandwiches“ für den europäischen Gaumen blättern mussten, empfanden wir als störend. Wenn ich Essen wie zu Hause will, dann esse ich zu Hause!

Die Vorstellung, dass beschauliche neuseeländische Städtchen und herrlich einsame Gegenden in Zukunft mit Luxushotels nach asiatischem Gusto verschandelt werden könnten, um chinesische Besucher zu drei Tage längeren Aufenthalten zu animieren, rollt mir die Fußnägel hoch. Ich habe diese Luxushotels gesehen – sie fressen sich an kilometerlangen weißen Sandstränden in Vietnam entlang wie Krebsgeschwüre, ragen aus dem Bergregenwald und zerstören jeden Eindruck von der schönen Natur dieses Landes. Sie haben die schönen Inseln von Thailand mit Betonkrusten und Müll überzogen. Aber klar, wichtig sind ja die Besucher, die in diesen Hotels am Pool liegen und sich massieren lassen wollen.

Nach unserer Reise durch Vietnam, wo wirklich auf Schritt und Tritt Menschen oder ihre Hinterlassenschaften zu sehen sind und wir nur ein einziges Mal – während der Fahrt über den Wolkenpass – wirklich menschenleere Gegenden gesehen haben, ist uns die Ruhe und Abgeschiedenheit der neuseeländischen Landschaften so richtig bewusst geworden. Es ist so herrlich, wirkliche Abgeschiedenheit und unberührte Natur erleben zu können – da freue ich mich richtiggehend, dass nicht noch mehr Besucher nach Neuseeland kommen.

Ich kann gut verstehen, dass auch Neuseelands Tourismusindustrie Geld braucht und verdienen will. Zu wenige Besucher sind nicht gut fürs Geschäft. Aber wenn man für die neue Art von Besuchern seine Identität verleugnet, ist das doch auch keine Lösung.

Was meint ihr? Mehr Gäste und Einnahmen, egal was es kostet, oder lieber auf Einnahmen verzichten und das eigene Image und die Würde bewahren?

4 Kommentare

  • … die asiatische Küche ist im Vormarsch und das gut so. Ich kann sie problemlos schon am Morgen geniessen. Aber zuviel Reis ist genau so schädlich wie zuviel Teigwaren. Die asiatische Küche ist eine schnelle und kreative a la Minute Küche. Aber dafür werden Saucen und Fond noch immer von „Hand“ gemacht, was Vorbereitungszeit braucht. Dann gibt es noch die Ragouts und gekochten Gerichte und Suppen, meist mit einem buntem Gemüsestrauss in der Suppe sowie Fleisch.

    So muss sich die neuseeländische Küche neu identifizieren und outen. Konkurrenz ist im Küchenbereich auch förderlich.

    … die neuseeländische Küche ist gekennzeichnet von gehaltvollen Gerichten. Dafür mit viel fundiertem Produktions- und Kochhandwerk. Das macht sie sehr gut mit regionalen Produkten in den vielen, sehr guten Restaurants oder sogar am Tv mittels Profi – Haushaltsköchinnen und bekannten Starköchen. Aber irgendwie fehlt die Take-a-way und günstige Gastroscene wie im Asiaberiech, halt mit Neuseelandskost. (Wie auch in vielen anderen Städten dieser Welt).

  • Aber wenn Leute nur kommen, weil der Strand so schön ist und das Wetter gut ist und sich Hotels aufbauen, die genauso sind wie in der Heimat, dann hat das ursprüngliche Land zwar einen wirtschaftlichen Gewinn, aber für deren Kultur ist das auf keinen Fall gut.

  • ich frag mich auch immer, warum die franzosen immer mehr lidls aufmachen müssen und sogar für netto fernsehwerbung machen …
    aber das problem mit den asiamärkten gibt es wohl mittlerweile überall.

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