Reisetipps für Japan

Kulturschock Japan: Onsen mit Kindern

Onsen, das ist Japan in Reinkultur. Für uns war es nicht nur Wellness und Luxus-Entspannung, sondern schlichter Alltag: Unser Campervan hatte keine Wasserversorgung. Also tauchten wir wohl oder übel in die japanische Bade-Kultur ein. Mit viel Staunen und Vergnügen!

Weltwunderer Japan Onsen Flickr

Dieser Onsen wurde von uns nicht besucht, sieht aber so ähnlich aus © Flickr/soycamino

Japan im Sommer ist heiß. Das hatten wir bei der Reisebuchung irgendwie gar nicht auf dem Schirm gehabt, aber die Temperaturen sind im Juli und August wirklich tropisch. Zum Glück ist man ja nie weit vom Meer entfernt und kann überall baden, oder? Öhm, nein.

Zwar haben wir auf unserer Rundreise durchaus ein paar tolle Badestrände entdeckt, die auch von japanischen Urlaubern intensiv genutzt wurden. Aber im Allgemeinen kann man doch sagen, dass das „normale“ Baden in natürlichen Gewässern für Japaner nicht zum üblichen Freizeitvergnügen gehört. Sehr viele Strände, Seen und Flüsse nutzten wir komplett allein für unsere Erfrischung und wurden dabei entweder befremdet (aber höflich) beäugt oder dringend (aber höflich) gebeten, dieses gefährliche Tun doch zu unterlassen.

Was tun also, wenn man im Campervan unterwegs ist, der weder über Waschbecken noch Dusche verfügt? Lösung A: Wir wuschen uns an den vielen kostenlosen Raststätten („michi no-eki“). Aber hier gibt es keine Duschen. Lösung B: Wir duschten uns am Strand, badeten in Süßwasserseen oder übergossen uns mit Wasser aus unserem Kanister. Aber so richtig säubern (und Haare waschen!) kann man sich so ja auch nicht.

Also musste Lösung C her, und die ist super: Wir gingen für unsere „Abendwäsche“ in einen Onsen.

Was ist das überhaupt, ein Onsen?

Wir dachten zunächst (und viele Reisende tun das bestimmt auch), hier handle es sich um eine Art öffentliches Schwimmbad. Aber ein Onsen ist so viel mehr!

Japan Onsen Sign

Das Symbol für Onsen ist leicht zu erkennen

Übersetzt bedeutet es einfach nur „heiße Quelle“. Jeder Onsen ist über einer natürlichen Thermalquelle platziert, was, wenn man alle Onsens in Japan auf einer Karte anschaut, die seismischen Aktivitäten unter diesen kleinen Inselchen sehr anschaulich gruselig verdeutlicht. Es gibt sie wirklich überall! „Sento“ sind dagegen öffentliche Bäder ohne vulkanische Quelle, die ihr Wasser auf andere Art erhitzen (und weniger Eintritt kosten).

Ein Onsen dient den Japanern zur Reinigung, zur Entspannung, aber auch zum geselligen Beisammensein. Deshalb gibt es hier nicht nur Gelegenheiten zum Waschen und Duschen und mehrere flache Thermalbecken zum Herumlungern, sondern oft auch Ruheliegen, Spa-Bereiche und Restaurants.

Früher ging wohl wirklich jeder Japaner für die tägliche Reinigung in den Onsen oder ins Sento, und auch heute noch scheint das zumindest alle paar Tage der Fall zu sein. Abends, wenn wir müffelnd aus unserem Campervan stiegen, trafen wir jedenfalls immer viele Familien im Onsen an, die dort auch gleich zu Abend aßen.

Die vielen Onsens in schicken Hotels und die vollen Parkplätze davor, die wir auf unserer Reise sahen, zeugten deutlich davon, dass Japaner auch im Urlaub vor allem eines tun: im Onsen entspannen. Orte wie Kinosaki oder Beppu leben vom Onsen-Tourismus! Man geht in einen Onsen, spaziert ein bisschen herum, geht in einen anderen Onsen, isst eine Kleinigkeit, geht in einen dritten Onsen…

Je nach Gusto gibt es Onsens für jeden und jedes Bedürfnis – große und kleine, naturnahe und moderne, alte und neue, zentral gelegene und versteckte, teure und günstige (ab 100 Yen ist man dabei, nach oben sind die Preise offen). Es gibt sie mitten in Großstädten, einsam in den Bergen oder direkt am Ufer des Pazifiks. Klar, dass man die als Reisender alle ausprobieren will!

Weltwunderer Japan Onsen

Und abends geht’s in den Onsen. Hier in Kyoto

Onsen, wie geht das?

Der Onsen-Besuch folgt wie so vieles in Japan einem komplizierten Ablauf, der genau geregelt ist. Zum Glück wird das Wichtigste schon im Reiseführer erklärt, so dass wir nicht ganz ahnungslos über die Schwelle unseres ersten Onsen traten – einem winzigkleinen mitten in den japanischen Alpen nahe Matsumoto, wo wir bis auf ein paar Omis und Opis niemanden antrafen.

Der augenfälligste Unterschied zum europäischen Spa(ß)-Bad ist die strikte Trennung der Geschlechter: Männer und Frauen baden komplett getrennt. (Ganz früher war das angeblich anders, und in modernen Onsens gibt es wohl auch wieder Gemeinschaftsbecken, aber die sind selten.) Und da das so ist, können sie das ganz ohne Scham nackt tun.

Weltwunderer Japan Onsen Flickr

Im Onsen wird nackt gebadet – und das kleine Handtuch kommt dabei auf den Kopf © Flickr/Marianne Vestergaard Nielsen

Ja, im Onsen wird nackt gebadet. Und man wickelt auch kein riesengroßes Badehandtuch um sich herum. Daran mussten wir uns erst ein wenig gewöhnen, vor allem die Teenager unter uns! „Müssen wir wirklich zusammen mit den Omis baden?“, fragte mich die Weltwundertochter beim ersten Mal ein wenig schockiert. Ja, müssen wir, Tochter.

Also los: Mit Handtüchern und Shampooflaschen beladen, traten wir in die mit Holz ausgekleidete Eingangshalle. Der sehr alte Empfangschef schaute uns misstrauisch an und winkte seine Enkeltochter herbei. Höflich kichernd, ihr Baby auf der Hüfte, erklärte die uns in zögerndem Englisch, in welche Schränkchen wir unsere Schuhe stellen sollten (die wir zum Glück vor den Stufen am Eingang ausgezogen hatten), welche Türen für Frauen und für Männer waren und dass wir weder Shampooflaschen noch Badesachen brauchen würden („No bikini!“, winkte sie erschrocken lachend ab).

Weltwunderer Japan Onsen

Keine Tattoos, bitte! Man könnte ja von der Yakuza sein

Wir machten einen letzten Uhrenvergleich, sagten Weltwundervater und -sohn Adieu und traten zögernd in den Damenbereich. Zwei Großmütter standen hier barfuß auf den Tatami-Matten und zogen sich gerade wieder an – wunderbar, wir schauten einfach zu und machten ihnen alles nach (nur umgekehrt natürlich).

Mit Baby ist man ja zum Glück sowieso immer recht beschäftigt, so dass es sich gar nicht allzu seltsam anfühlte, als wir uns nackt auszogen, unsere Kleidungsstücke in ein Plastikkörbchen legten und dieses in einen Spind stellten. Mit einem kleinen Handtuch bewaffnet, das uns die alten Frauen freundlicherweise vom Stapel gereicht hatten, tapsten wir in den nächsten Raum.

Weltwunderer Japan Onsen

Wie immer in Japan: bitte zuerst ein Ticket ziehen

Hier wartete ein Schwimmbecken mit dampfend heißem Wasser, wo schon einige Frauen saßen und sich angeregt (aber leise!) unterhielten. Den Versuch der Weltwundertochter, ihren Fuß ins Wasser zu halten, quittierten sie mit aufgeregten Rufen: Das hieß eindeutig „Stop!“

Bevor wir ins Badebecken durften, hieß es erst gründlich waschen – das wusste ich schon aus dem Reiseführer. Also ab auf die kleinen Plastikhöckerchen, die vor einer Reihe von Wasserhähnen an der Wand bereitstanden. Zum Waschen tauchten wir zuerst unsere kleinen Handtücher – die nämlich eigentlich Waschlappen waren! – in die ebenfalls bereitstehenden Plastikschüsseln, welche wir vorher mit selbst gewählter Temperatur anfüllten. Statt Abtupfen kann man aber auch die ganze Schüssel einfach hochheben und sich über den Kopf gießen – herrlich bei Außentemperaturen von 35°C!

Alles richtig so? Die japanischen Frauen ermunterten uns mit beherztem Winken. Nachdem wir uns wirklich vorbildlich mit kühlem Wasser gewaschen, geseift und shampooniert hatten (Duschbad und Shampoo standen wie alles andere ebenfalls in großen Flaschen bereit), durften wir endlich ins heiße Wasser.

Puh – an die 40°C Wassertemperatur, daran muss man sich erst gewöhnen. Fanden wir im Hochsommer auch nicht wirklich die ideale Temperatur, schon gar nicht für die zarten Füße des Weltwunderbabys. Wir schauten uns also erst einmal das Außenbecken an.

Nass und nackt da hinauszugehen, das fühlte sich absolut seltsam an. Aber hier oben zwischen den Felsen und unter den knorrigen Kiefern, irgendwo über der kleinen Bergstraße, auf der wir hergekommen waren, konnte uns ja nun wirklich niemand sehen. Zu hören war nur das Blubbern des Wassers und die Zikaden, die in den Bäumen ihr Lied sägten.

Langsam glitten wir in das leicht nach Schwefel miefende Wasser, das gerade so nicht zu heiß war, und lehnten uns behutsam an den Beckenrand aus echten Steinen. Die Weltwundermädels aalten sich im flachen Wasser, die Weltwundermutter erlaubte sich einen kurzen Moment der Tiefenentspannung… Bis das Baby mit dem Kopf unter Wasser rutschte, weil es auf der Jagd nach einer Fliege gestolpert war, und es danach versuchte, über die Felsen am Beckenrand zu klettern und die dort liegende Fliegenklatsche in hohem Bogen über den Abhang zu werfen. Seufz.

Der Uhrenvergleich zeigte, dass die Zeit im Onsen offenbar extraschnell vergeht. Also husch, husch, wieder raus aus dem heißen Wasser, nochmal mit herrlich kühlem Wasser übergießen und raus in die Eingangshalle (vorher anziehen natürlich). Dort warteten schon ungeduldig die Männer, denen das Thermalwasser auch viiiel zu heiß gewesen war.

Sie haben übrigens auch alle weiteren von uns besuchten Onsens immer nur für kalte Waschungen genutzt 😉

Onsen mit Baby und Kind – (wie) geht das?

Das geht gut! Japaner sind ja sowieso extrem kinderlieb, das hat uns immer wieder neu verblüfft. Und in einem Onsen, wo man das süße europäische Baby auch noch nackig bewundern kann, waren wir eigentlich immer von einer Traube junger Mädchen umgeben, die „Kawaii“ gurrten und verzückt schauten.

Das Waschen mit den Schüsseln ist für Kinder jeden Alters ein großer Spaß, da kann nach Herzenslust gespritzt und geplanscht werden. In den kleineren Onsens muss man hier nur ab und zu die Lautstärke dämpfen, da im Onsen schon eher Ruhe herrschen soll. Die Thermalbecken sind oft zu heiß für Kinder, aber wir haben immer eines gefunden, das mit 35 bis 38° C noch akzeptabel war. Und manchmal gab es am Ausgang auch noch ein eiskaltes Tauchbecken, für die Mutprobe!

Apropos Mutprobe: Als Tourist bekommt man in Japan jeden Fehler verziehen, und mit Kindern im Gepäck gleich noch mal. Enorm geduldig hat man uns immer wieder erklärt und geholfen, gezeigt und geschenkt (zum Beispiel ein Haargummi, weil offene lange Haare in den Thermalbecken wohl nicht erlaubt sind – in Deutschland hätten wir uns dafür sicher nur einen Anraunzer eingehandelt).

Aber auch andersherum fanden wir das Onsen-Erlebnis als Familie toll: Mit einer Tochter im Teenager-Alter, die nackte Körper in der Öffentlichkeit fast nur in perfekt bearbeiteten Bildern und subtil sexualisiert wahrnimmt (wir machen nicht so viel FKK…), war das gemeinsame Nackt-Sein mit anderen Frauen und Mädchen ein wunderbares Erlebnis. Zu sehen, wie sie sich im Kreis ihrer japanischen Altersgenossinnen entspannte und bald aufhörte, nervös herumzublicken, hat mich als Mutter sehr gefreut.

Und es hat uns auch einen anderen Blick auf die ach so prüde japanische Gesellschaft eröffnet. Ganz selbstverständlich sitzen hier Frauen (und Männer) jeden Alters gemeinsam im heißen Wasser. Auch die Alten, die allein leben, kommen so unter Menschen, wenn sie wollen. Und die Jungen werden daran erinnert, dass sie nicht immer jung sein werden – und dass das auch nichts Schlimmes ist. Schön!

Weltwunderer Japan Onsen

Mit Baby im Onsen – ganz normal

Wenn ihr mit einem Campervan durch Japan reisen wollt, kommt ihr um den Onsen-Besuch mit ziemlicher Sicherheit nicht herum. Aber warum solltet ihr auf die herrliche Entspannung und das Erlebnis japanischer Alltagskultur auch verzichten wollen?

5 Kommentare

  • Spannender Beitrag, liebe Jenny! Das die Japaner so ne krasse Badekultur haben wusste ich bereits durch unsere japanische Freundin, die jeden Tag ein ausgiebigstes Vollbad nimmt. Find ich persönlich schon etwas schräg und auch nicht sehr umweltbewusst. Aber nun gut…andere Länder, andere Sitten. Warum Ihr aber nicht am Meer oder in Seen baden durftet, hat sich mir nicht erschlossen??? Über das gefährliche Tun musste ich jedenfalls sehr lachen. 😉 LG, Nadine

    • Liebe Nadine, das Vollbad scheint sich auch im modernen japanischen Alltag ohne Onsen zu erhalten, da hast du Recht. In unserem Airbnb-Apartment hatten wir eine „typisch japanische“ Badewanne, die nur zum Sitzen/Hocken geeignet war: sehr kurz, aber dafür sehr tief. Ich denke, da verschwendet man dann weniger Wasser (und es wird nicht so schnell kalt) – zu zweit baden geht aber gar nicht…
      Tja, die offenen Gewässer werden wohl wegen der ganzen Tsunamis mit Respekt betrachtet, nehme ich an. Und dann halt die allgemeine Verbots-und-Regelungs-Kultur. Man hüpft eben nicht einfach irgendwo rein, nur dort, wo es extra dafür eingerichtet ist. Baden im Meer ist ja z.B. landesweit auch nur vom 1. Juli bis 31. August erlaubt, außerhalb dieser Zeiten sieht man angeblich nur Nicht-Japaner im Wasser 😉

  • Wirklich interessant! Ich wusste gar nicht, dass die Japaner auch so eine Badekultur haben (wie ich überhaupt furchtbar wenig über Japan weiß). Klingt sehr nett und ähnelt unseren Erfahrungen in türkischen Hamams.

  • Ja, klingt wirklich so, als wenn man als Campervanreisender nicht um den Besuch eines Onsen herumkäme… klingt aber auch wirklich toll. SOLLTEN wir mal nach Japan kommen (hoffentlich!), dann werden wir eurem Rat gerne folgen – klingt sehr verlockend, wenngleich ich es persönlich auch eher ein wenig kühler haben möchte; vor allem bei tropischen Temperaturen!! Wäre eher etwas für uns hier oben im Norden – selbst im Sommer (hehe). :-)

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