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Lesetipp: „Kiwi Paradise” von Ingo Peetz

Ingo Peetz, nach eigener Beschreibung ziemlich cooler Heavy-Metal-Fan mit osteuropäisch geschulter Leber, hat getan, wovon so viele träumen – er ist 2003 (?) nach Neuseeland ausgewandert. Warum er das getan hat? Das weiß er selbst nicht. Aber es war schon mal nicht die Sehnsucht nach Natur und heiler Welt – denn dafür ist er, siehe oben, ein viel zu Cooler. 

Weltwunderer Ingo Peetz Kiwi Paradise

Schon das Buchcover weist ganz deutlich darauf hin: „fast ohne öde Landschaftsbeschreibungen“, steht da warnend. Stadtpflanze Ingo verabscheut die Natur, er hasst bunte Freizeithemden und Sandalen, er bleibt lieber wochenlang in Auckland und schaut dort an die Zimmerdecke. Und wenn er sich dann doch ins Grüne wagt, endet das in einem Fiasko (über dessen Beschreibung ich allerdings wirklich herzlich gelacht habe.)

Obwohl Ingo Peetz alles tut, um nur nicht der typische begeisterte Einwanderer in Godzone zu sein, tappt er doch unweigerlich in die Falle: Er besucht ein Touristenklischee nach dem anderen, er schwimmt mit den Delfinen, er besucht die Maori, und auch das Deckmäntelchen der journalistischen Berichterstattung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er eben doch „Neuseeland nach Plan“ absolviert.

Ich hatte in der ersten Hälfte der Lektüre arge Probleme, dabeizubleiben – zu bemüht schien mir Ingos Bemühen, sich von den „anderen“ Einwanderern und vor allem den ach so naiven und doofen Touristen abzugrenzen, mit denen er mal gar nichts gemeinsam haben will (Kostprobe: „Anne, ein Berufs-Mädchen, das silbern glitzernde Feenflügel auf dem Rücken trug“). Als dann das Klischee schlechthin auch noch aufgefahren wurde: eine „leicht psychopathische“ Kanadierin im Hostel, die natürlich VEGETARIERIN sein muss, habe ich das Buch erst einmal zur Seite gelegt.

Echt mal, Ingo, muss man im Zeitalter von BSE und PETA sein Selbstwertgefühl noch aus dem eigenen herzhaften Fleischkonsum herzaubern?

Was mich trotzdem zum Weiterlesen animiert hat, sind zum einen die wirklich gut ausgesuchten Zitate, die jedes Kapitel einleiten – eine Kostprobe: „New Zealand, when all is said and done, is a couple of islands stuck away by themselves, surrounded by nothing but ocean.“ (Conrad Bollinger)

Zum anderen taut Ingo Peetz, nachdem er sich gegen jede Anmutung, ein „normaler“ Neuseelandfan zu sein, rundum abgesichert hat, in der zweiten Hälfte des Buches zum Glück langsam auf. Ohne die bemühten Witzchen auf Kosten anderer wird es dann tatsächlich interessant und dem Leser öffnet sich eine Welt jenseits von Hobbiton, bekifften Maori und dem America’s Cup.

Was mir am besten gefiel: Ingos Ehrlichkeit, sich selbst einzugestehen, dass Neuseeland nun mal nicht seine zukünftige Heimat werden würde. Aus dieser Distanz ergeben sich dann einige wirklich schöne Episoden und Erkenntnisse über das Deutschsein, das Auswandern und die Inkompatibilität unserer doch so ähnlich erscheinenden Kulturen. „Ich blieb ein reisender Besucher, der immer weitermusste und dabei doch immer wieder auf seine eigene Welt zurückfiel.“

Das ist als abschließendes Zitat aber viel zu hochtrabend, als dass es Ingo Peetz‘ Kodderschnauze gerecht würde, deshalb nehme ich noch dieses hinzu: „Neuseeland ist ein schönes Land, aber es ist erstens zu weit weg, zweitens tragen dort zu viele Menschen Flipflops und drittens kann es auch sehr langweilig sein.“

Wer also eine sehr bissige und zuweilen übers Ziel hinausschießende (gute!) Laien-Schreibe und einen Autor, der am liebsten seine zahlreichen Trinkgelage schildert, tolerieren kann, der hat bestimmt Spaß mit „Kiwi Paradise“!

Das Buch gibt es im lesefreundlichen, hochwertigen und – für Reiseliteratur heutzutage luxuriös! – lektorierten Hardcover von Droemer nur noch gebraucht (das sehr günstig), im Paperback neu für 8,99 Euro bei Amazon (wer auf den Link klickt und das Buch direkt in den Einkaufswagen legt, der schenkt uns beim Kauf ein paar Cent!) (danke!).

1 Kommentar

  • Lass doch mal den Ingo in Ruh 🙂 … ohne das Buch gelesen zu haben, selbstverständlich. Das Herumdreschen auf Touristen sei ihm doch gegönnt … jedenfalls, woran Kiwis den deutschen Touristen erkennen, ist die Ernsthaftigkeit mit der Letzterer versucht so Kiwi wie möglich zu sein … also mit Gummistiefeln im letzten Loch unterwegs usw. Darüber wird viel geschmunzelt, aber „good natured“, und sowas liegt unsereinem halt nicht, und Ingo ist doch unser einer, offenbar.

    Um den unqualifizierten Kommentar abzuschließen, finde ich es prinzipiell erleichternd zu wissen, dass nicht alle Deutschen einen auf „Sekte Neuseelandfan“ machen. Da fallen einem ja die Augen zu.

    Und das mit dem NZ-Programm für Normalos – stimmt schon. Irgendwann steht man dann mal vor irgendsoeiner Toursistenattraktion und geht rein, weil sonst eh gerade nichts zu tun ist, und nach ein paar Jahren hat man es dann alles durch, ohne je die Absicht gehabt zu haben. Banal.

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