Vietnam

Marble Mountains in Vietnam: ein Monument der Stille

Dass Hoi An für uns eines der Highlights von Vietnam war, haben wir bereits erzählt. Aber auch in der unmittelbaren Umgebung dieser schmuck herausgeputzten Stadt, die eher einem Disneyland für shoppende Touristen gleicht, entdeckten wir etwas wundervolles: die Marble Mountains. Einer der wenigen Orte in Vietnam, die uns wirklich verzaubert haben!

Marble Mountains in Vietnam

Zunächst ein wenig Landeskunde: Die Marble Mountains in Vietnam, die nur zu einem geringen Teil aus Marmor (= „marble“) und hauptsächlich aus schnödem Kalkstein bestehen, sind fünf einzeln stehende, wie dicke Finger geformte, bis zu 100 Meter hohe Felsen, die mitten aus der brettflachen Ebene Zentralvietnams und einem Meer von Häusern aufragen.

Jeder der fünf Felsen steht für eines der fünf Elemente, alle zusammen sollen die Schalenreste eines Dracheneis sein. Und nur einer – der Wasserfelsen, aka Thuy Son – ist für Besucher zu betreten.

Wir brausten also in der Mittagshitze (schlechte Tagesplanung!) auf unseren Miet-Mopeds namens „Luchs“ und „Feuerfuchs“ 18 Kilometer an der Küste nach Norden, denn der Eintrag im Reiseführer zu den Marble Mountains hatte interessant geklungen. Ich las da von einem Geheimversteck des Vietcong, das dieser praktisch genau unter den Nasen der Amerikaner angelegt hatte; deren Stützpunkt am China Beach in Danang lag praktisch in Hörweite.

Mit Vietcong-Geschichten kriege ich den Weltwundermann erfahrungsgemäß sofort. Die Kinder freuten sich einfach auf die Moped-Tour (und ich drückte uns die Daumen, dass wir mit unseren Suppenschüssel-Helmen und den nackten Beinen gesund ankommen würden).

Am Fuß der Felsen angekommen, wunderten wir uns – nach zwei Wochen in Vietnam – schon gar nicht mehr über die zahllosen Marmor-Shops, die alle dieselben kitschigen Figuren verkauften und deren Verkäufer uns alle eindringlich begrüßten, zum Parken und Teetrinken einluden, uns den Weg zum Aufstieg wiesen und krakeelten „You come to my shop lataaa, right?!“

Marble Mountains in Vietnam

Marmor satt am Fuß der Marble Mountains

Zu ihrer Ehrenrettung müssen wir sagen, dass sie gut auf unsere Mopeds aufpassten und nur leicht angesäuert schauten, als wir keinen lebensgroßen Buddha mitnehmen wollten. Und aus dem Lonely Planet wissen wir auch, dass sie den Marmor für ihr Kunsthandwerk inzwischen aus China beziehen, denn die Marble Mountains selbst sind schon arg durchlöchert.

Wir stiegen also beherzt und gespannt in den freistehenden Aufzug (jaha!), der uns in Nullkommanix fast bis auf Gipfelhöhe brachte. Die Aussicht von oben auf die Küste sollte grandios sein, war aber eher ernüchternd – viel mehr als Hotelburgen und Häuser bis zum Horizont erblickten wir nicht. Das mag zu den Zeiten, als hier die verschiedenen buddhistischen und hinduistischen Pagoden errichtet wurden, oder auch, als der Vietcong sein geheimes Lazarett führte, anders gewesen sein.

Marble Mountains in Vietnam

Gemeinsam mit angenehm wenigen und ausschließlich vietnamesischen Touristen wandelten wir nun langsam (es war heiß! Sehr heiß!) im Schatten großer Bäume vorbei an einigen typischen knallbunten Pagoden im China-Stil und entdeckten bald den ersten Höhleneingang.

Drinnen wurde es spannend: Hinter dem Buddha öffnete sich eine unbehauene Felsspalte, der wir mutig kraxelnd nach oben folgten – und plötzlich standen wir hoch oben auf dem Gipfel des Thuy Son, zwischen einigen knorrigen Büschen und am Ende eines Pfades, den wir wohl eigentlich hätten nehmen sollen. Ups!

Marble Mountains in Vietnam

Geheimnisvoller Aufstieg: Ob das so gedacht war?

Weiter ging es in weitere Höhlen, von denen einige größer und andere kleiner waren, eine enthielt eine ansehnliche und gebührend bewunderte (handtellergroße…) Spinne und alle enthielten diverse Buddha-Statuen. Was genau wir hier anschauten, erfuhren wir mangels Beschilderung, Englisch sprechender Vietnamesen und eigener Vietnamesischkenntnisse leider nicht, aber es machte Spaß!

Marble Mountains in Vietnam

Hoch und runter, und dabei bestaunt und bekichert werden von zig Vietnamesen…

Was uns am Ende dann absolut umwarf, war die größte Tempelhöhle, Huyen Khong: hoch wie eine europäische Kathedrale und mit genauso gewölbter Decke, nur dass in dieser hier drei große Löcher klafften – angeblich von US-Bombern hineingeschossen. (In einer Nebenhöhle fanden wir eine Gedenkplakette, die an die Leistungen der „Women’s Artillery Group“ erinnerte; die Damen haben im Jahr 1972 ganze 19 US-Kampfflugzeuge abgeschossen).

Durch die Löcher fielen drei Strahlen fahles Sonnenlicht durch die stickige Höhlenluft, auf den glattgelaufenen Steinboden und auf eine winzige konfuzianistische Pagode (die bei näherem Ansehen tatsächlich winzig war – ihr Dach reichte mir gerade bis zur Stirn).

Marble Mountains in Vietnam

Die Puppen-Pagode war wirklich winzig klein!

Die Kinder waren ohnehin schon mächtig beeindruckt von den vier martialischen, auf Tigern und Drachen reitenden Wächter-Statuen, die den Höhleneingang bewachten und wirklich böse dreinschauten. Wir Erwachsenen fanden vor allem die Ruhe grandios, die hier in der Höhle herrschte – eine Ruhe, die wir nach zwei Wochen im krachlauten Vietnam wirklich genossen.

In ehrfürchtigem Schweigen zündeten wir zusammen mit unseren Kindern einige Räucherstäbchen auf einem buddhistischen Altar an und schauten zu, wie sich die Rauchfäden vorbei am Bauch des riesigen marmornen Buddhas durch die Stille in die Höhe kreiselten. Die Stille ließen wir dabei wie kühles Wasser auf uns herabsinken; und traten tatsächlich innerlich erfrischt wieder ans Tageslicht.

Marble Mountains in Vietnam

Ein Monument der Stille: die Huyen Khong Cave

Ob es noch mehr Höhlen zum Entdecken gab? Oh ja. Aber an dieser Stelle beschlossen wir, dass wir uns diesen tollen Eindruck nicht mehr mit weiteren Eindrücken trüben lassen wollten, und trollten uns durch das von Kugeln vernarbte Eingangstor über 156 Marmorstufen wieder nach unten – in die Hitze, den Staub, das Verkaufsgeschrei und das Moped-Hupen des verrückten vietnamesischen Alltags.

Marble Mountains in Vietnam

Und wieder hinunter über 156 Stufen…

Ich habe keine Ahnung mehr, was der Eintritt gekostet hat; aber Eintritt haben wir auf jeden Fall bezahlt. Wer individuell herkommt, der sollte mit etwa 30 Minuten Fahrt aus Hoi An rechnen, es werden aber auch zahllose geführte Touren im Minibus von Hoi An oder Danang zu den Marble Mountains angeboten.

Übrigens: Wer die Fotos genau anschaut, der wird hier noch eine weitere Langnasen-Familie entdecken. Die waren da nicht zufällig, wir sind nämlich zusammen auf diesem Ausflug gewesen. Wie auch auf vielen weiteren; aus dem ersten Zufallstreffen im Hotel in Kambodscha wurde im Laufe der Zeit fast eine Gruppenreise. Wer weiß, ob wir Vietnam ohne diese deutsche Familie so toll gefunden hätten!

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