Meinung

Neuseeland, deine Ozeane …

Neuseeland ohne Meer, was wäre denn das? Unvorstellbar. Der Ozean ist lebenswichtig für die Wirtschaft, die Versorgung und die Seele dieses Landes. Wir Weltwunderer meinen, dass es auch für NZ-Reisende nicht genügt, die Zehen seufzend in die Brandung zu stecken. „The ocean is broken“, mahnte kürzlich der australische Hochseesegler Ivan Mcfadyen; das geht uns alle an, überall auf der Welt.

Im Rahmen der Blogparade des Jazzblog, die das Bewusstsein der „Blogosphäre“ um den traurige Zustand der Meere weltweit erhöhen will, tragen wir daher mal zusammen, was man über das Meer rund um Neuseeland wissen sollte.

Muriwai Beach

Neuseeland ist von  über vier Millionen Quadratkilometern Ozean umgeben – das sorgt nicht nur für extreme Abgeschiedenheit, sondern auch für das viertgrößte Seeterritorium eines Staates weltweit. Das kleine Land am A… der Welt genießt hier einen Vorteil der UN-Seerechts-Konvention, die Inseln dasselbe Recht auf Seeterritorium wie „richtigen“ Ländern einräumt. Neuseelands kleinere Inseln schaffen die Basis für eine „Exclusive Economic Zone“ (EEZ) von vier Millionen Quadratkilometern.

Der Fischreichtum versorgt Neuseeland mit Exporteinnahmen von mehr als einer Milliarde Dollars pro Jahr; nach Milchprodukten, Fleisch und Holz ist das die viertgrößte Einnahmequelle des Landes und Arbeitgeber für über 10.000 Menschen.

Kapiti Coast

Man sollte meinen, dass sich die Neuseeländer um diesen lebenswichtigen Schatz rund um ihre Heimat enorm kümmern würden – doch sie sind im Endeffekt eben auch nur Menschen wie alle anderen (auch wenn das gern anders dargestellt wird).

Okay – im Vergleich zu anderen Ländern mag Neuseelands Fischereimanagement tatsächlich „clean and green“ scheinen, aber das ist eben nur ein relativer Vergleich und kein Grund, sich damit zu brüsten. Der gern verwendete Slogan “If it’s from New Zealand, it’s sustainable” stimmt jedenfalls noch lange nicht. Robben und Seelöwen, die unter Naturschutz stehen, sterben trotzdem in großer Zahl in den Netzen der Fischerboote, und wie es um die Delfine steht, wissen wir ja.

Und das ist nicht das ganze Problem: Bis in die 70er-Jahre machten sich die meisten Neuseeländer kaum Gedanken darüber, was mit den Abwässern und dem Müll passierte, den sie erzeugten und gern einfach ins Meer warfen oder leiteten (und viele tun das bis heute – jedes Jahr wird tonnenweise Müll an den Stränden angespült). Nach internationalen Standards sind Neuseelands Küstengewässer abseits von Großstädten und Industriegebieten heute relativ (!) sauber, seit 2001 werden auch in Wellington und dem Hutt Valley keine ungefilterten Abwässer mehr ins Meer gepumpt. Aber wie es weiter draußen aussieht, das misst und weiß kein Mensch.

Nugget Point Catlins NZ

Was das Meer für die Menschen tut, ist grundlegend: Zunächst einmal absorbiert es Kohlendioxid aus der Luft und hält damit das Treibhaus Erde kühl; genauso speichert es Wärme und kontrolliert so das Klima. Durch Verdunstung stellt das Meer außerdem eine wichtige Quelle für Süßwasser dar, ohne die Landlebewesen nicht existieren könnten.

Neuseelands Meere sind Lebensraum für über 15.000 Lebewesen (und täglich werden neue Arten entdeckt). Fast die Hälfte der Meeressäuger-Arten der Welt wurde in diesen Gewässern gesichtet und auch eine riesige Zahl von Seevögeln lebt und brütet hier, ganz zu schweigen von den zig Arten an Fisch, Muscheln, Krabben, Seeigeln und Seegras. Wissenschaftler glauben, dass bis zu 10 Prozent aller Arten von Meereslebewesen in den Gewässern rund um Neuseeland vorkommen.

Pakiri Beach NZ

Ohne das Meer wäre Neuseeland um einen Großteil seiner Besucher ärmer, denn die kommen vor allem wegen dem: Whale watching, Swimming with dolphins, Seelöwen und Pinguine beobachten, Seekajak fahren und schnöde Bootstouren entlang der traumhaften Küste gehören zu den Highlights einer NZ-Reise.

Für die Neuseeländer ist das Meer aus noch vielen anderen Gründen enorm wichtig – nicht nur als Wirtschaftsgrundlage und Nahrungsquelle, sondern auch für ihre Kultur und ihre ganze Identität. Das sieht jeder Besucher ganz schnell, wenn er die Kiwi-Großfamilien (Maori und Pakehas!) zu ihren „Baches“ am Strand aufbrechen sieht, wo sie bei jedem Wetter surfen, baden, fischen, Muscheln suchen oder einfach mit ihren Autos auf dem Strand cruisen. Wenn da mal eine Haifinne auftaucht – husch, raus aus dem Wasser, kurz abgewartet und dann geht es einfach weiter.

Jeder Kiwi lebt nahe am Meer und fast jeder Kiwi tut das bewusst und gern. Wie oft haben wir uns abends an einem tollen Freedom-Camping-Spot am Strand über den Strom an Kiwi-Besuchern gewundert, die ihr Auto kurz parkten, eine Weile aufs Meer blickten und dann weiterfuhren – offenbar erst zufrieden mit ihrem Tag, wenn sie kurz Verbindung zum Ozean gehabt hatten. Und wer die neuseeländischen Kinder beobachtet hat, die unerschrocken auch bei 10° C in ihren Neoprenanzügen in den tosenden Pazifik hüpfen – auf dem Kalender ist schließlich Sommer! -, der glaubt wirklich, dass Neuseeländer ohne das Meer keine Neuseeländer wären.

Porpoise Bay Catlins NZ

Wir können nur hoffen, dass die Initiativen neuseeländischer Umweltschutzorganisationen, neuseeländischer Forscher wie Kelly Tarlton (na, wer kennt ihn?) und auch vieler neuseeländischer Bürger Wirkung zeigen und die Ozeane und ihre Bewohner rund um die beiden Inseln schützen und erhalten – wenigstens „relativ“.

Ivan Mcfadyen, den es besonders bei seiner Passage der japanischen Inseln gruselte (die Auswirkungen des Reaktorunglücks sind auch auf offenem Meer nicht zu übersehen), wandte sich an die Organisatoren eines amerikanischen Wissenschaftsprojekts, das Segler weltweit um Hilfe beim Datensammeln zur Meeresverschmutzung bittet – er wollte eine Flotte zusammenstellen und diese zum Müllsammeln auf die Weltmeere schicken. Doch die Wissenschaftler hatten schon ausgerechnet, dass die Umwelt durch den Treibstoffverbrauch einer solchen Flotte mehr geschädigt würde, als man ihr durch die Reinigungsaktion nützen könnte.

Einfache Lösungen gibt es im Zeitalter der Globalisierung jedenfalls nicht mehr.

Kapiti Coast Sunset

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