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Promi-Interview: Autorin Anke Richter spricht über Schafe, Christchurch und das Auswandern

Anke Richter ist Auslandskorrespondentin in Christchurch und bereichert von dort aus die deutsche Medienlandschaft. Ihre Kolumnen in der „taz“ sind legendär, ihr Buch „Was scheren mich die Schafe“ über das Einwanderer-Leben in Neuseeland ist witzig und gut beobachtet. Wir haben mit ihr über die Hintergründe ihres Buches gesprochen – lesen müsst ihr es selbst!

Wer schert hier wen? Das ist jedenfalls nicht Anke. (c) Weltwunderer

Wer schert hier wen? Das ist jedenfalls nicht Anke. (c) Weltwunderer

Weltwunderer: Anke, dein Buch ist ganz offensichtlich ein wenig überzeichnet – solche Figuren, wie du sie triffst, kann es doch in echt gar nicht geben. Die naheliegende Frage lautet daher: Wie viel Autobiografisches steckt in deinen Beschreibungen?

Anke: Es ist ein geschriebenes „Mockumentary“, also bewusst verzerrte Wahrheit. Meine Geschichte ist durchaus autobiografisch, aber vieles ist natürlich schamlos übertrieben. Und einige Figuren setzen sich aus lebenden Vorbildern zusammen, existieren aber nicht eins zu eins so in echt – schließlich will ich nicht von einem erbosten Meckerbäcker verklagt werden!

WW: Es ist inzwischen zehn Jahre her, dass du mit deiner Familie nach Neuseeland ausgewandert bist. In deinem Buch, das 2011 erschienen ist, tust du dich schwer damit, die deutsche und die neuseeländische Kultur in Einklang zu bringen – wie sieht es inzwischen aus?

Anke in ihrer Wahlheimat Christchurch (c) Anke Richter

Anke in ihrer Wahlheimat Christchurch (c) Anke Richter

Anke: Das hat sich natürlich verändert, sonst hätte ich mein Buch auch nicht mit Humor, sondern nur mit Betroffenheit schreiben können. Mittlerweile stehe ich zu meinen typisch deutschen Eigenschaften und kann darüber lachen, genauso über andere Deutsche – das Fremdschämen hat aufgehört, seitdem ich mich mehr als Neuseeländerin fühle.

WW: Dein Buch erschien knapp nach diesem Erdbeben. Wie war die Wahrnehmung des Buches in Deutschland so kurz nach diesem krassen Ereignis?

Was scheren mich die SchafeAnke: Das war ein PR-Spagat, denn ich schrieb ja über ein kleines Land am Arsch der Welt, wo nie etwas passiert. Und dann passierte das größte Drama in meinem Leben und in der Geschichte Neuseelands, und ich mittendrin als Korrespondentin, die auf der einen Seite berichten musste, auf der anderen Seite Opfer war.

Und dann sollte ich noch lustig mit meinem Buch auf Lesereise gehen! Es war eine unglaubliche Zerreißprobe. Nicht der 22. Februar 2011 hat mich psychisch erodiert, sondern all die Tage und Monate danach.

WW: Wie geht ihr heute mit dieser Katastrophe um – zurück zum Alltag oder hat sich etwas verändert?

Anke: Hier nennt man es „the new normal“. Es ist alles Alltag, auch die kaputten Häsuer, dass alle in Renovierungen und Versicherungsquerelen festhängen, dass Existenzen zerstört und Freunde weggezogen sind. Es gab schon Momente, wo wir dachten: „Warum tun wir uns das an?“ bzw: „Könnten wir doch bloß woanders sein.“ Aber dann hat uns die Katastrophe und alles, das damit zusammenhängt, noch viel mehr mit Lyttelton, Christchurch und diesem Land verbunden. Das Leben hier ist dennoch wunderbar und geht weiter, mit all dem, was Neuseeland zu bieten hat.

WW: Gibt es neue lustige Buch-Projekte aus dem Hause Richter, auf die wir uns freuen können?

Anke: Eigentlich hatte ich eine Fortsetzung mit dem Erdbeben als Aufhänger geplant, aber wäre das so lustig geworden? Wohl kaum. Daher kann ich meinen Lesern nur weiterhin jeden zweiten Donnerstag die taz empfehlen, wo meine aktuelle Kolumne „Neues aus Neuseeland“ läuft.

Anke und die Schafe ... (c) Anke Richter

Anke und die Schafe … (c) Anke Richter

WW: Zum Schluss noch eine praktische Reiseblog-Frage: Als eingebürgerte „Christchurcherin“ (wie sagt man das?) hast du sicherlich ein paar Tipps, was man sich heute als Besucher in der Stadt unbedingt anschauen sollte?

Anke: Christchurch lohnt sich unbedingt, denn nach dem Erdbeben sind viele tolle, originelle Projekte entstanden. Zum einen die poppig-bunte „Restart Mall“, die aus Schiffscontainern besteht. Dann natürlich eine Bustour durch die „Red Zone“ – keine Hemmungen, Erdbeben-Touristen sind willkommen!

Der botanische Garten und die Boote auf dem Avon sind nach wie vor schön, vor allem jetzt im Frühling, und die Gondel fährt auch wieder. Alles, was „Gap Filler“ veranstaltet, lohnt sich – zum Beispiel Veranstaltungen im improvisierten „Pallet Pavillion“. Und natürlich der „Farmers Market“ samstags in Lyttelton. Da kann man nebenbei Schiffe gucken, Musik hören, durch Szeneläden bummeln – und sicher auch auf mich stoßen 🙂

WW: Vielen Dank für das Interview, Anke – und wir warten derweil geduldig auf ein neues Buch* von dir…

* Was man noch von Anke lesen kann: TOKELAU – 200 TAGE und Aussteigen auf Zeit. Beide sind vergriffen, aber gebraucht sehr günstig zu haben!

Aktuelles von Anke und eventuell News zu ihrem Oeuvre findet ihr auf ihrer Facebook-Seite.

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