Meinung

Warum uns Europa nicht reicht: ein Lob auf die Fernreise!

Das Jahr 2016 war für die Weltwunderer ein ungewöhnliches. Wir haben nämlich keine einzige Reise außerhalb von Europa unternommen. Bitte nicht falsch verstehen: Das winterliche Tirol, das heiße Andalusien und das idyllische Menorca sind wunderschöne Reiseziele für Familien. Aber „richtig“ reisen bedeutet für uns: weiter weg!

Fernreisen ja oder nein

Sind Fernreisen unbedingt notwendig? Für uns schon – auch wenn dieses Farn NICHT in Neuseeland fotografiert wurde 😉

Foto-Familien-Reiseblogger Marc hat in einem Blogbeitrag darüber nachgedacht, warum es ihn nicht in die Ferne zieht – und ein Loblied auf Europa gesungen. Wir pflichten ihm durchaus bei: Die 47 Länder Europas (inklusive Türkei, exklusive Zypern!) sind ungeheuer vielfältig und verschieden. Rings um uns herum warten in wenigen Fahr- und/oder Flugstunden beeindruckende Natur, haufenweise Geschichte und leckerste Nationalgerichte ohne Ende.

Trotzdem fühlen wir regelrecht, wie es uns Jahr für Jahr ans andere Ende der Welt zieht. Warum ist das so?

Warum wir Fernreisen lieben

Der Duft der großen weiten Welt zieht irgendwie erst in unsere Nasen, wenn wir den Kontinent Europa verlassen. In den Flieger steigen und wissen, dass wir mindestens sechs Stunden darin sitzen werden, zwei volle Mahlzeiten und ein heißes Erfrischungshandtuch serviert bekommen – da kommt richtiges Reisefieber auf.

Nein, schon vorher: Wenn wir bei der Reisevorbereitung überlegen müssen, was wir an Reisedokumenten brauchen und was die Visa kosten. Ob es in unserem Zielland irgendwelche exotischen Krabbelviecher oder Krankheiten gibt und wie (oder ob) wir uns davor schützen können. Ob man Dinge wie Windeln oder Tampons dort kaufen kann.

Wenn wir auf sprachliche Barrieren stoßen, weil wir die Schriftzeichen nicht lesen können. Wenn wir ständig nachrechnen müssen, weil der vietnamesische Dong oder der japanische Yen so viele Nullen haben.

Fernreisen Lob Japan Kyoto

Was zum… bedeutet das alles? Wir stolpern fasziniert durch Kyoto

Hach, spannend!

Eine echte Reise bedeutet für uns nicht Erholung, sondern: Herausforderung, einen Sprung ins Ungewisse, ein Herantasten an die eigenen Grenzen. Werden wir uns auf Englisch oder Französisch verständigen können? Werden sie die von uns auswendig gelernten „Guten Tag – Bitte – Danke“-Brocken verstehen? Wird uns – und den Kindern! – das Essen schmecken? Wie werden uns die Einheimischen begegnen?

Fernreisen mit Familie Kambodscha

Begegnungen mit anderen Menschen sind ein Hauptgrund, warum wir gern weit weg reisen

Kulturschock: ja, bitte!

Europa ist sicherlich kulturell vielfältig, aber schon bei der ersten Thailand-Reise lernt man, dass das von außen betrachtet gar keine so großen Unterschiede sind. Die christliche Religion und Jahrtausende von Geschichte verbinden alle Länder Europas so stark, dass wir uns überall in einem vertrauten Netz aus Werten und Gebräuchen bewegen. Die Sprache und das Essen mögen verschieden sein, aber die generelle Sicht auf die Dinge ist doch dieselbe.

Das ist in Japan oder Kambodscha eine ganz andere Sache. Wir sind wahrhaftig keine Experten, aber schon eine oberflächliche Beschäftigung mit der Landesgeschichte und den Kulturen lässt einen schwindelig zurück – eine ganz neue Welt tut sich hier auf, die mit unserer so gar nichts zu tun hat.

Fernreisen Reiseziele Kambodscha

Da sitzt ein Mönch in den Ruinen von Angkor Wat und verkauft Segensbändchen… die wir jahrelang am Arm trugen. Wie schön, wie anders!

Buddhistische Schreine, Shinto-Tempel, hinduistische Tempel oder Moscheen sind nur die äußere Schicht. Komplexe und uns völlig fremde Höflichkeitsregeln und Alltagsgepflogenheiten wollen entschlüsselt und verstanden sein. Es ist so befriedigend, wenn man sich nach ein paar Wochen „wie die Einheimischen“ durch eine asiatische Großstadt bewegen kann, die rituelle Waschung im Tempel locker korrekt absolviert oder den Preis für ein Gericht auf dem Markt im Gefühl hat und selbstbewusst handeln kann (mit Händen und Füßen, denn das Erlernen der Sprache dauert länger).

Spannend!

Fernreisen mit Kindern Asien

Nachtmärkte! Wie könnten wir ohne sie reisen!

Und auch, wenn man sich gar nicht für die Gründe interessieren sollte, die die Menschen in Vietnam oder Thailand zu denen gemacht haben, die sie heute sind, ist da immer noch die Natur. Krass anders, als wir sie von zu Hause kennen.

Natur: die volle Ladung!

Europa ist vielfältig, aber es hat eben nicht alles zu bieten:

  • keinen Regenwald (auch keinen Bergregenwald)
  • keine Äffchen, keine Kängurus und anderes exotisches Getier (inklusive Riesenspinnen…)
  • keine (richtige) Wüste
  • keine seismisch aktiven Gebiete, wo man mit Erdbeben rechnen muss und heiße Quellen und Schlammlöcher normal sind
  • keine Korallenriffe, Atolle, Südseeparadiese…
  • keinen Monsunregen, der einen binnen Sekunden durchnässt – aber warm ist
  • keine Pinguine!

Alle diese Sachen sind in echt tausendmal schöner als im Botanischen Garten, im Zoo oder im Regenwaldhaus. Dorthin gehen wir zwischendurch auch sehr gern, aber eher, um in Erinnerungen zu schwelgen…

Fernreisen Tropical Islands

Tropischen Regenwald wollen wir in echt sehen – da ist das Tropical Islands leider kein Ersatz

Reisen bildet, Fernreisen bildet mehr

Apropos Pinguine: Dass Neuseeland so nahe an der Antarktis liegt, war uns zuerst gar nicht aufgefallen. Und auch, dass es wirklich genau auf der anderen Seite des Erdballs liegt, verstanden wir so richtig erst vor Ort. Als wir spätabends Oma zu Hause anriefen und sie aufweckten oder unsere winterblassen Nasen in die Hochsommersonne hielten, hatten unsere Kinder sozusagen ihre ersten Geografiestunden – und das noch vor der Schuleinführung.

Ein Gefühl dafür, wie riesig groß unsere Erde tatsächlich ist, bekommt man nur, wenn man sie umrundet. Wir tun das bequemerweise mit dem Flugzeug, und schon da ist es beeindruckend, wie lange man fliegt, bis man ganz Asien überquert hat. Es ist wunderschön, wenn man im Flugzeug dem Sonnenuntergang hinterherfliegt und stundenlang das Farbenspiel genießen kann.

Oder wenn man in Neuseeland die Sonne aufgehen sieht und weiß, dass zu Hause noch gestern ist – oder hier in Neuseeland morgen?!

Liebeserklärung Fernreise Neuseeland Sonnenuntergang

Sonnenuntergang an der Kapiti Coast nördlich von Wellington – während sie in Deutschland gerade aufgeht!?

Unsere Fernreisen haben uns bisher nur nach Asien und Neuseeland geführt, wir haben also eigentlich noch fast gar nichts von der Welt gesehen. Aber was wir gesehen haben, macht uns Lust auf mehr!

Nur wegen der anstrengenden Flüge und der teuren Kinder (oder andersherum) bleiben wir jetzt nicht 28 Jahre lang* in Europa und sparen uns Fernreisen „für später“ auf. Später kann schnell zu spät sein. Und Ziele in geringer Entfernung schaffen wir als Rentner mit Rollator noch eher als einen 24-Stunden-Flug.

Wenn ihr übrigens denkt, Fernreisen wären für euch als Familie viel zu teuer, oder zu kompliziert, oder wegen der Schulpflicht gar nicht möglich, dann schaut doch mal in mein neues Buch „Reisebudget-Planung für Familien„!

Was meint ihr: Müssen Fernreisen sein? Und wenn ja, warum? Wir sind gespannt auf eure Meinung!

Fernreise Lob Japan mit Kindern Weltwunderer

* So lange müssten wir warten, bis auch das Weltwunderbaby 18 ist. 12 Jahre davon sind allerdings schon verstrichen.

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5 Kommentare

  • Haha, ich muss ja gestehen, bevor wir nach China gezogen sind, war die Auswahl unserer Ferienziele eher einseitig — wir sind eigentlich immer an dieselben Orte gefahren: Familienurlaub in Osttirol, vielleicht mal nach Jesolo, einer der (meiner Ansicht nach) äh, unschönsten Strände in Italien, aber von Graz aus so herrlich einfach zu erreichen, dass ich alleine mit den Kindern fahren konnte, während Frank noch arbeiten musste, mal über ein langes Wochenende mit den Zelten nach Kroatien, und ansonsten auf Verwandtenbesuch in Deutschland.

    Mehr nicht, aber auch sehr schön, denn ein bisschen halte ich es mit Peter Roseggers Worten: „Ja, man soll die Ferne kennen lernen, aber eher noch die Heimat.“ Und manchmal bestätigen mir die Kinder diese sehr konservative Ansicht, denn für sie sind es auch eine Art Wurzeln, die wir ihnen damit gegeben haben.

    Andererseits tun sich hier in Asien natürlich völlig neue Welten für uns auf — und was mir am meisten daran gefällt ist zu sehen, was „alternativ“ zu unserem sehr behüteten Leben alles möglich ist, wie viel unkomplizierter manche Dinge in anderen Ländern sind, dass es uns vor Augen führt, wie gut es uns in den westlichen Ländern großenteils doch geht und ich mir die Frage stelle: brauchen wir das alles, was wir haben, wirklich?

    Und im Falle von Kambodscha: wie wohltuend und beeindruckend es ist, dass die Menschen dort trotz ihrer schrecklichen Geschichte ihre Offenheit und Herzlichkeit behalten haben.

    Mal ganz abgesehen von den vielen, vielen neuen Eindrücken und Dingen, die wir sonst nicht erleben würden!

    (Das hast Du schön ausgedrückt: in Europa ähneln wir uns trotz der unterschiedlichen Kulturen in vielen Dingen eben doch sehr…)

    Aber trotzdem hat mich mein 14-jähriger Sohn kürzlich gefragt, ob wir nicht auch noch mal nach Jesolo fahren können…

    So long,
    Corinna

    • Wurzeln sind natürlich auch enorm wichtig, und seine eigene Heimat sollte man schon auch kennen, bevor man sich in die Fremde aufmacht – sonst hat man ja gar keine Vergleichsbasis! Für unsere Kinder gibt es nichts schöneres als einen Ostseeurlaub, sie sind da nicht anders als deine 😉

  • Haha lustig! 🙂
    Aber ich kann deinen Beitrag durchaus auch unterschreiben! Deine Argumente für Fernreisen stehen bei mir ja genauso drin. Im Moment bin ich aber auf dem Europa-Trip. 🙂

    Viele Grüße
    Marc

  • Ich seh das wie Du. So cool Europa ist….hin und wieder muß es doch auch mal eine Fernreise sein. Klar sind die hohen Kosten oder der lange und ökologisch fragwürdige Flüge so ne Sache. Aber auf nem anderen Kontinent ist halt doch irgendwie alles ganz anders als in Europa. In Europa fühle ich mich selten total fremd. Wenn ich durch Asien reise aber schon. Und dieser Spruch „das machen wir später“….den kann ich echt nicht mehr hören. Wer weiß schon was später ist? Lieber früher als später ist daher mein Motto. LG/ Nadine

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