Meinung

Kindheit in Neuseeland: das beste Land der Welt?

Die UNICEF prüft seit 1988, wie die Staaten der Welt ihre Kinder behandeln. Gesundheitsleistungen, Bildung und Ernährung: Wie sieht es damit in Neuseeland aus? Die aktuellen Ergebnisse zum Status der Kinder in Neuseeland sind ernüchternd. Wir schauen hinter die Kulissen der Auswanderer-Idylle.

Leben in Neuseeland Omana Beach

Kind sein in Neuseeland – ist das wirklich so paradiesisch, wie wir es uns vorstellen?

Neuseeland ist das beste Land der Welt, um Kinder großzuziehen – das glauben viele deutsche Familien, die mit ihren Kindern auswandern wollen, und das erzählen auch viele ausgewanderte Familien, die sehr glücklich in Neuseeland sind. Wir stellen es uns auch fantastisch vor.

Für einen großen Teil der Kinder in Neuseeland sieht das Leben aber bei Weitem nicht so rosig aus.

Neuseeland steht ständig auf den vorderen Plätzen in Rankings zur lebenswertesten Stadt, dem friedlichsten Land, dem besten Reiseland etc. Alle Welt scheint nach Neuseeland auswandern zu wollen – vor allem die Superreichen setzen da in letzter Zeit Trends.

Wer es sich leisten kann, der hat ein gutes Leben in Neuseeland – das stimmt sicherlich. Aber die Qualität einer Gesellschaft soll und muss auch daran gemessen werden, was sie für ihre schwächsten Mitglieder tut.

Neuseeland, das beste Land der Welt? Nicht für alle

Der aktuelle UNICEF-Report zur Lage der Kinder in Neuseeland zeigt jedenfalls: Die Lebensbedingungen für einen überraschend großen Teil der Neuseeländer erinnern eher an ein Drittweltland als an das beste Land der Welt!

Die Neuseeländer sind ein recht kleines Volk in einem Land mit reichen Ressourcen. Bis vor einigen Jahrzehnten waren sie Vorreiter in Sachen Schulbildung, Gesundheitssystem und Familienunterstützung. Die aktuelle Studie der UNICEF zur Lage der Kinder („Building the Future: Children and the Sustainable Development Goals in Rich Countries“) ordnet Neuseeland aber insgesamt fast auf dem letzten Platz ein.

Wie kann das sein? Verantwortlich sind lange Jahre einer neoliberalen Regierung, die zahlreiche Sparmaßnahmen durchgeboxt hat – auf dem Rücken derjenigen, die keine Lobby haben, nämlich der Kinder und Familien.

Immer mehr Familien müssen in schlecht isolierten und schimmeligen Häusern leben, in denen ihre Kinder chronische Atemwegserkrankungen bekommen. Sie kämpfen mit einem schlechten Gesundheitssystem und überforderten Sozialdiensten, müssen viel Geld für gesundes Essen und horrende Mieten bezahlen. Immer weniger Familien können sich den neuseeländischen Traum eines eigenen Hauses erfüllen, stattdessen leben immer mehr mindestens zeitweilig in der Garage von Verwandten oder im Auto.

Ihr wollt genauer wissen, wie Neuseeland seine Kinder behandelt? Das wollte auch die UNICEF. Daten zur Kinderarmut hat die neuseeländische Regierung aber nicht zur Verfügung gestellt – weil sie in Neuseeland nicht nach denselben Standards wie im Rest der Welt erhoben werden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

 Muriwai Beach

Den meisten Kindern in Neuseeland geht es sehr gut. Aber eben nicht allen…

Auch so leben Kinder in Neuseeland. Zu viele!

Nach offiziellen neuseeländischen Angaben leben 14 Prozent der Kinder unter der Armutsgrenze. In den USA leben offiziell 21 Prozent der Kinder in Armut, aber die wird hier eben viel breiter definiert. Die Autoren der UNICEF-Studie warnen vor einer Verschleierungstaktik der Neuseeländer.

Die Arbeitslosigkeitsraten in Neuseeland sind hoch, die Einkommen relativ niedrig, und die staatliche Unterstützung arbeitsloser Familien ist so niedrig, dass diese oft in extremer Armut leben.

Die Mieten und Hauspreise in Neuseeland gehören inzwischen zu den höchsten der Welt, die Obdachlosigkeit ist zwischen 2006 und 2013 um ein Viertel angestiegen, und der Preisanstieg hat seitdem nicht nachgelassen. Mehr als die Hälfte der Obdachlosen sind Familien mit Kindern!

Apropos Arbeitslosigkeit: Mehr als ein Viertel der jungen Maori haben keinen Job, während das nur für 14 Prozent der Nicht-Maori gilt. Gleichberechtigung? Naja. Junge Leute werden im neuseeländischen Arbeitsmarkt ohnehin strukturell benachteiligt und finden oft nur niedrig bezahlte, unsichere Jobs.

-> Nur Irland und Ungarn schneiden im Wirtschafts- und Arbeits-Ranking des Reports noch schlechter ab.

Die Selbstmordrate bei Teenagern ist in Neuseeland weltweit am höchsten. Während der Median in den Erstwelt-Staaten bei 7,5 Selbstmorden auf 1.000 Teenager liegt, erreicht Neuseeland einen Wert von 15,5. Das weist auf das unterfinanzierte, versagende Gesundheitssystem hin, und zusätzlich auf die überforderten Gefängnisse: Jugendliche werden in Neuseeland immer häufiger wegen Überfüllung zusammen mit Erwachsenen eingesperrt.

In engem Zusammenhang damit steht das große Problem der familiären Gewalt in Neuseeland, das zu hohen Raten von Kindesmisshandlung und Kindstötungen, Jugendkriminalität, Mobbing und Drogenkonsum führt. Bei den Teenie-Schwangerschaften schneidet Neuseeland ebenfalls verdammt schlecht ab; hinzu kommt, dass viele der jungen Mütter alkohol- und drogenkrank sind und ihre Kinder schon vor der Geburt schädigen.

Die Reaktion des Staates darauf? Sozialarbeiter und Kinderpsychologen werden schlecht bezahlt, ihre Stellen werden zusammengestrichen. Kinder in Christchurch, die von den Erdbeben immer noch traumatisiert sind, warten wochenlang auf  Therapieplätze.

-> Im Gesundheits-Ranking der UNICEF steht Neuseeland weltweit auf dem drittletzten Platz, nur Bulgarien und Chile schneiden noch schlechter ab.

Erstaunlich ist auch, dass in Neuseeland, das mehr Lebensmittel exportiert, als es konsumiert, ein großer Teil der Kinder ohne Essen zur Schule geht oder dort kein gesundes Essen erhält (die Vorgabe, an Schulen nur gesundes Essen auszugeben, wurde von der Regierung gestrichen).

-> Ein schockierendes Drittel (34 Prozent) der neuseeländischen Kinder ist übergewichtig, was vor allem an ungesundem Essen liegt. Im Vergleich dazu erreicht Malta auf Platz 2 dieses Rankings nur 27,4 Prozent, Kanada 25 Prozent.

Kinder in Neuseeland Dunedin Otago

Kinder in Neuseeland – geht es für sie bergab oder bergauf?

Das neuseeländische Bildungssystem schneidet ebenfalls überraschend schlecht ab. Vor zehn Jahren waren die neuseeländischen Schüler im weltweiten PISA-Vergleich die viertbesten, heute stehen sie (stabil) auf Platz 15. Hier wird jedoch nicht abgebildet, dass erschreckende 40 Prozent der Teenager bei ihrem Schulabschluss nach OECD-Standards nicht ausreichend lesen und rechnen können.

Die großen Unterschiede zwischen den besten und schlechtesten Schülern zeigen dabei: Was früher eine egalitäre Gesellschaft war, weist heute eine der größten Ungleichheiten auf, und das vor allem im Bildungssektor. Neuseeland steht hier beim UNICEF-Ranking unter 39 Staaten auf Platz 34.

Bildungserfolg ist heute auch in Neuseeland enorm von sozioökonomischen Einflüssen abhängig, was zum Teil damit zu tun hat, dass Schulen in sozial besser gestellten Gegenden mehr staatliche Förderung erhalten – das sogenannte „decile system„. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind ohnehin auf eine private Schule.

-> Gerade für uns Deutsche ist dieses UNICEF-Ranking der Bildungsungleichheit interessant: Wo Neuseeland im unteren Drittel der Staaten liegt, steht Deutschland auf Platz 2 noch vor Finnland und Schweden!

Ein hohes Bruttosozialprodukt ist offenbar kein Indiz dafür, dass es der Bevölkerung eines Landes gut geht. In den letzten 30 Jahren hat sich in Neuseeland die Lage von Kindern und Jugendlichen kontinuierlich zum Schlechteren entwickelt, während der Wohlfahrtsstaat zum neoliberalen Staat umgewandelt wurde – und niemand scheint es bemerkt zu haben.

-> Hier könnt ihr die 56-seitige UNICEF-Studie kostenlos herunterladen.

Am 23. September 2017 sind in Neuseeland Wahlen. Wir sind sehr gespannt, wer dort mit welchem Programm gewinnt, und ob sich an der Lage der Kinder in Neuseeland etwas ändert!

3 Kommentare

  • Wirklich interessant und erschreckend! Erst vorgestern hat mir ein Bekannter erzählt, dass er sich vor einiger Zeit mit einem Gewerkschafter aus Neuseeland unterhalten hat. Und der hat kein gutes Haar an der neoliberalen Politik gelassen – durch die Privatisierungen überall ist das Sozialsystem voll auf der Strecke geblieben. Man könnte meinen, dass die öffentlichen Campingplätze nur deshalb so gut ausgebaut sind, weil so viele Menschen in Campern leben müssen. Unglaublich und ein Warnzeichen für uns alle, dass es doch das beste ist, an solidarischer politischer Einstellung festzuhalten (sofern einem das Wohl von anderen am Herzen liegt).
    LG Barbara

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