Gut zu wissen Nachhaltig reisen

Nachhaltig nach Neuseeland reisen – (wie) geht das?

* Beitrag aktualisiert am:

Umweltschutz geht uns alle an – gerade wir Eltern sollten uns Gedanken machen, in welchem Zustand wir ihnen unsere Welt überlassen. Wir bemühen uns: kaufen bio, fahren Fahrrad, nutzen grünen Strom. Aber was ist mit der Traumreise nach Neuseeland – kann man die mit einem sauberen Umweltgewissen vereinbaren und nachhaltig nach Neuseeland reisen? Die Antwort: jein.Weltwunderer Gannet Muriwai

Umweltfreundlich nach Neuseeland fliegen?

Ist eine Reise NACH Neuseeland, einmal quer um den Erdball, umweltfreundlich oder nachhaltig? Die naheliegende Antwort: nein.

Es ist unmöglich, von Europa nach Neuseeland zu gelangen, ohne einen riesigen CO2-Fußabdruck zu hinterlassen. Seit man nicht mehr mit dem Passagierschiff nach Neuseeland kommt, bleiben nur noch die Optionen Kreuzfahrt und Flugzeug – beide schlagen klimatechnisch ganz schön rein.

Fliegen verursacht Schadstoffe wie Kohlendioxid und Stickoxide, die über 100 Jahre in der Atmosphäre hängenbleiben. Daneben schädigen Kondensstreifen das Klima, weil sie Schleierwolken erzeugen, die die von der Erde reflektierten Sonnenstrahlen schlechter abziehen lassen.

Und ja, auch Kreuzfahrtschiffe sind klimatechnisch böse. Ihre Dieselmotoren laufen mit Schweröl und verschmutzen die Luft über den Weltmeeren (und in den Häfen) mit Schwefeldioxid.

Weltwunderer

Für einen Hin- und Rückflug in der Economy Class mit dem A380 – nur mal so als Beispiel gerechnet – von Frankfurt nach Auckland verursacht die Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern einen gigantischen CO2-Ausstoß von etwa 53 TONNEN.

Um das einzuordnen: Das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen liegt laut Atmosfair bei 2,3 Tonnen CO2.

Da zählen auch keine Argumente mehr, dass man im Ausgleich ja sonst nieee fliegen würde oder zu Hause immer Fahrrad fährt – eine Reise nach Neuseeland ist eine Umweltsünde ersten Grades, Leute.

Schämt euch so richtig, und dann überlegt weiter: Was können wir Neuseeland-Addicts tun, um unsere schwarze Seele wenigstens ein bisschen zu erleichtern?

Nachhaltig nach Neuseeland fliegen: ein bisschen

Beliebt und bekannt ist die Möglichkeit, sich freizukaufen: Eine Tonne CO2-Ausgleich kostet je nach Klimaschutz-Agentur zwischen 12 und 60 Euro. Diese werden in Umweltprojekte investiert, bei denen ungefähr die ausgestoßene Menge an CO2 woanders eingespart wird.

Wie das geschieht, ist unterschiedlich: Bei Atmosfair werden indische Großküchen mit Solarenergie versorgt, Myclimate unterstützt unter anderem Windenergieanlagen auf Madagaskar.

Weltwunderer Ostseestrand Wolke

Um den Flug nach Neuseeland von der Seele zu bekommen, verlangt Atmosfair „nur“ 1.225 Euro – eigentlich ein Schnäppchen, oder? Trotzdem meinen wir als eingefleischte Atheisten, dass dieser moderne Ablasshandel nur eine Scheinlösung sein kann – denn CO2 wird ja trotzdem erst einmal erzeugt.

Eine weitere Möglichkeit ist intelligentes Fliegen: Atmosfair veröffentlicht seit einigen Jahren einen Airline-Index, in dem die größten Fluggesellschaften getrennt nach Kurz-, Mittel- und Langstrecke nach ihrer Energieeffizienz bewertet werden (ähnlich wie Kühlschränke).

Habt ihr die Wahl, solltet ihr für den Flug nach Neuseeland demnach lieber Air New Zealand (Stand 2017: Energieeffizienzklasse D, Rang 39 bei Langstreckenflügen) als Lufthansa (Klasse E, Rang 58) oder gar Singapore Airlines (Klasse F, Rang 87) wählen. Entscheidend für annähernd umweltverträgliches Fliegen sind demnach neue, energieeffiziente Maschinen, möglichst wenige Umstiege auf einer Verbindung und eine gute Auslastung mit Passagieren (die vor allem durch eine enge Bestuhlung erreicht wird – für uns Passagiere nicht eben komfortabel).

Die Energieeffizienzklassen A und B werden übrigens von keiner Airline erreicht.

Es hilft keine Augenwischerei: Neuseeland ist ein Reiseziel, das sich nur mit viel CO2 erreichen lässt.

Nachhaltig reisen IN Neuseeland: mit diesen Tipps

Wenigstens vor Ort sollte Nachhaltigkeit also großgeschrieben werden (Wortspiel…). Hier kommt nun die gute Nachricht: IN Neuseeland ist nachhaltiges Reisen eigentlich recht einfach.

Weltwunderer Rotorua Redwoods

Die erste Regel lautet (schön eingängig, wie wir es von den Kiwis kennen): „Reduce – reuse – recycle„. Daraus leiten sich viele Ideen ab:

  • besser einmal möglichst lange in Neuseeland aufhalten, anstatt jedes Jahr für zwei Wochen hinzufliegen (Stichwort: Elternzeit nutzen!)
  • keine Inlandsflüge machen, um Zeit zu sparen (Strecken unter 600 km sind per Auto immer ökologischer)
  • Reisen im Wohnmobil verbindet Verkehrsmittel und Unterkunft und „spart“ damit den zusätzlichen Energieaufwand von Hotels oder Hostels ein
  • „scenic views“ erwandern und nicht nur als Fotostopps auf einem Roadtrip absolvieren
  • beim Camping Energie und Wasser sparen
  • weniger Fleisch, Fisch und Milchprodukte essen – deren Produktion erzeugt unheimlich viel CO2
  • Abwasser, Müll und Fäkalien korrekt entsorgen, nicht direkt in die Natur!!
  • energiearme Freizeitaktivitäten vorziehen (wandern und baden statt Scenic flight und Quadbike-Tour)
  • Abfall, vor allem Plastikmüll vermeiden, wegräumen und recyceln (geht an vielen Campsites und an den Mülldeponien der Gemeinden)

Lake Taupo Garbage Bin

Daneben solltet ihr im Gedächtnis behalten, dass Nachhaltigkeit auch eine soziale Komponente hat. Das bedeutet: Bewundert nicht nur die tollen Landschaften und stürzt euch kreischend an Gummiseilen von Brücken, sondern lernt Neuseeland als Gesellschaft kennen.

Kauft euer Gemüse bei lokalen Farmern, trinkt euren Kaffee in kleinen Cafés, stellt euer Wohnmobil auf privat betriebenen Campgrounds oder staatlichen DOC Campsites ab.

Bucht ihr eine Übernachtung im Hotel, eine Tour zum Whale Watching etc., dann fragt euch (und den Veranstalter!), wen ihr damit unterstützt. Die Einnahmen sollten in der Gemeinde bleiben oder reinvestiert werden. In Neuseeland trifft das zum Glück auf sehr viele Angebote zu – auch die, die Spaß machen ;-)

Die meisten Kiwis freuen sich, wenn ihr nachfragt, erzählen gern von ihren Aktivitäten und sind offen für helfende Hände. Aktionen wie Beach Busters geben euch auch als Touristen die Gelegenheit, etwas zum Umweltschutz beizutragen oder (aus einer anderen Perspektive) euren ökologischen Fußabdruck ein wenig auszugleichen.

Schließlich hat Nachhaltigkeit auch einen pädagogischen Faktor – und wir als Eltern haben die einmalige Möglichkeit, unsere Kinder durch gutes Vorbild und das Aufzeigen von Zusammenhängen und Handlungsmöglichkeiten zu aufgeklärten und engagierten Weltbürgern („global citizens“) zu erziehen.

Schleppt die Kinder nicht nur mit, sondern zeigt ihnen Neuseeland und lasst sie die Natur, die Geschichte und die Kultur dieses Landes entdecken. Die vielen tollen Museen in Neuseeland helfen euch dabei. Wenn ihr unterwegs seid, lebt euren Kindern Respekt für die Lebensweise der Kiwis – und auch der Maori – vor, nehmt gemeinsam Kontakt zu Einheimischen auf und bringt euren Kids ein paar Worte Englisch und Te Reo Maori bei.

Weltwunderer Kawhia

Was heißt überhaupt nachhaltig reisen?

„Gutes Reisen“ heißt nicht nur schadstoffarmes Reisen. Es heißt auch Respekt vor der Fremde, rücksichtsvolles Verhalten, Übernahme von Verantwortung für die Auswirkungen des eigenen Reisens. Fragt euch, warum ihr eigentlich reist, was ihr in Neuseeland mit eurer Anwesenheit bewirkt und was ihr diesem Land geben könnt – dann kommt ihr der Idee des nachhaltigen Reisens näher.

Eine Denkhilfe gibt der Dokumentarfilm „Gringo Trails“ von Pegi Vail, der in Deutschland bisher leider nur zweimal gezeigt wurde.

Disclaimer: Die Weltwunderer sind weit davon entfernt, selbst nachhaltig zu reisen – dafür haben wir schon viel zu viele Langstreckenflüge absolviert und werden es auch in Zukunft nicht lassen können. Anstatt verschämt zu schweigen, wollen wir aber trotzdem auf das Thema aufmerksam machen – und hoffen, dass das noch viele andere Reiseblogger tun.

4 Kommentare

  • Also mit dem erhobenen Zeigefinger darauf aufmerksam zu machen, dass Fliegen verdammt klimaschädlich ist, aber dann so salopp hinzufügen, dass ihr das selber nicht sein lassen werdet – wie verrückt das ist, wird vielleicht an der aus meiner Sicht passenden Analogie deutlich: Das ist, wie wenn der Arzt vor der OP sagt – ich mache eigentlich alles kaputt in ihrem Bauch, ich könnte auch einfach mal ne Fortbildung machen, aber das macht mir keinen Spaß -deshalb wünsche ich Ihnen viel Glück – aber Hoffnung brauchen Sie sich nicht zu machen. So, Anästhesist, die Patientin ist aufgeklärt, legen Sie los.
    Wer mehr als 2,3t CO2 jährlich verantwortet, bedient sich aus dem Budget der zukünftigen Generationen. Der holt sich am Buffet mehr als da ist und wer später kommt, geht mir leerem Teller zum Tisch zurück und kann sich dann in den Blogs wie weltwunderer anschauen, wie toll das Leben früher war und warum der eigene Teller jetzt leer ist. Guten Appetit!
    PS: Vorschlag zur Güte: vielleicht kommt man ja mit möglichst viel Landweg (Zug) und nur für den Sprung übers Meer mit dem Flugzeug mit möglichst wenig Klimaverantwortung nach Neuseeland?

    • Lieber Borris,

      ich danke dir für deinen Kommentar und vor allem für den gemäßigten Tonfall – ist ja nicht mehr selbstverständlich heute :-) Klar ist Fliegen scheiße fürs Klima, aber das ist unser gesamter Lebensstil. Die Grenze von 2,3 Tonnen überschreitet man als Bewohner eines Erstwelt-Staats schon ganz ohne Urlaubsflug. Hier muss unbedingt dringend angesetzt werden – denn Alltag leben wir alle, nach Neuseeland fliegt nur ein Bruchteil der Deutschen. (Und überhaupt machen nur die wenigsten Fernreisen.)
      Neuseeland dürfte tatsächlich eines der wenigen Länder sein, wo ein Flug alternativlos ist – es gibt heute einfach keine Passagierschiffe mehr, die wie noch in den 1950er-Jahren die drei Wochen dorthin fahren (ich würde mitfahren!!). Insofern ist CO2-Kompensation über Organisationen wie Atmosfair für Neuseeland-Reisen nicht nur eine gute Idee, sondern meines Erachtens Pflicht. Damit wird das CO2 immer noch ausgestoßen, klar. Aber wer sich wirklich klimaschonend verhalten will, der muss sich wohl – solange die Politik bei uns nichts an den Rahmenbedingungen dreht – am besten erschießen…

      Liebe Grüße
      Jenny

  • Das letzte Bild ist der Wahnsinn.
    Habe mir auch lange Gedanken darüber gemacht, wie man nachhaltig Urlaub machen kann und bin auf einiges umgestiegen. Ich hoffe, dass sich noch einige daran beteiligen und sich auch deinen Artikel durchlesen. Dieser ist sehr gut geschrieben.

Hier kommt deine Meinung rein.