Vietnam/Kambodscha

Tücken des Individualreisens: die „Wohltätigkeitsfalle“ in Kambodscha und Vietnam

Als ich die wichtigsten Informationen über Vietnam und Kambodscha recherchierte, stieß ich immer wieder auf die „Must-dos“ in diesen Ländern: Angkor Wat, Halong Bay und „Besuch eines Waisenhauses“. Moment mal – Waisen besichtigen als Reise-Highlight?

Tonle Sap Kampong Phluk

Die Fallen des Individualreisens öffnen sich immer dann, wenn zu wenig Zeit zum Nachdenken ist und Hintergrundwissen fehlt. Ein Beispiel: Man kann in Kambodscha ohne Probleme ein Waisenhaus besuchen, den Kindern dort Geschenke bringen, sich mit ihnen fotografieren lassen und generell einen spaßigen Nachmittag verbringen – im Rahmen einer Tour geht das ganz ohne Probleme und bei TripAdvisor finden sich viele begeisterte Berichte darüber.

Der „Nutzen“ für den Touristen: Er hat das gute Gefühl, den armen Kindern geholfen zu haben, weil er ihnen ein paar Stifte gekauft oder mit ihnen eine halbe Fußball gespielt hat. Aber welchen Nutzen haben die Kinder davon? Sicherlich gibt es Besseres, als jeden Nachmittag mit immer neuen Fremden fröhlich tun oder allabendlich Tanzaufführungen absolvieren zu müssen. Man würde doch denken, dass verwaiste kleine Kinder gerade vor solchen Anstrengungen und Belastungen geschützt werden müssten, oder?

Little Street Vendor in Angkor Thom

Ein wenig mehr Recherche, und man stößt schnell auf die interessante Tatsache, dass die Zahl der Waisenhäuser in Kambodscha seit 1995 um 65 Prozent gestiegen ist. Die Zahl der Waisen hat sich in dieser Zeit sicherlich nicht entsprechend entwickelt. Waisenhäuser sind vielmehr ein ganz normaler Teil der kambodschanischen Wirtschaft – man hat schnell gelernt, dass Westeuropäer und Amerikaner ihr schlechtes Gewissen gegenüber der Dritten Welt gern beruhigen wollen, indem sie „Gutes tun“. In Siem Reap kann man niedliche Tempeltanz-Aufführungen von „Waisenkindern“ besuchen; bei einem leckeren Abendessen hat man dann gleichzeitig noch Kultur und Wohltätigkeit abgehakt. Bequem!

Ich habe nicht den Eindruck, dass viele Individualreisende die Hintergründe ihrer gut gemeinten „Spontan-Mildtätigkeit“ überdenken oder sich informieren. Klar, man ist überfordert mit der Fremde, den vielen Eindrücken und der Hitze, man verbringt nur wenig Zeit im Land und selbst, wenn man nachfragt, wird man oft schlicht belogen. Aber trotzdem …

Den Milchpulver-Trick hätten wir zum Beispiel nicht ohne Weiteres durchschaut: Vor dem Supermarkt fragt ein älteres Kind mit Baby auf dem Arm die (westlichen) Kunden, ob sie für den kleinen Bruder eine Dose Milchpulver kaufen können. Klar machen die das, es kostet ja so wenig, dem armen kleinen Baby zu helfen. Was die meisten nicht mehr sehen, wenn sie zufrieden lächelnd ins Hotel zurückgehen: Die Milchpulver-Dose wird umgehend an den Supermarkt-Besitzer zurückverkauft. Der Gewinn geht wohl in den seltensten Fällen aufs Ausbildungskonto des Kindes, geschweige denn des Babys.

Illusorisch ist es auch, den vielen geschäftstüchtigen kleinen Straßenverkäufern in Saigon oder Angkor Wat ihre Armbänder, Taschenbücher oder Ansichtskarten abzukaufen, um ihnen einen Gefallen zu tun bzw. sie etwas verdienen zu lassen. Alle diese Kinder werden (vorbildlich…) von Erwachsenen beaufsichtigt – die ihnen ihren Verdienst sofort abnehmen. Es ist hart und schmerzhaft gerade für uns Eltern, aber wer Straßenkindern etwas abkauft, der unterstützt eine moderne Form von Sklaverei und sorgt allerwenigstens dafür, dass diese Kinder nicht zur Schule gehen (können oder wollen, denn Arbeit scheint unmittelbar immer lohnender als der Schulbesuch).

Aus Tourismus und Wohltätigkeit ist in Laos, Kambodscha und Vietnam ein unheilvoller Wirtschaftszweig entstanden, der im Endeffekt weder den (verarschten) Touristen noch den Kindern etwas bringt, sondern wohl nur den lachenden Dritten, die erkleckliche Summen damit einnehmen. Tatsächlich haben Friends International und UNICEF Kambodscha im vergangenen Jahr eine Kampagne gestartet, mit der Besucher über das Problem des „Wohltätigkeits-Tourismus“ aufgeklärt werden sollen: „Children are not tourist attractions“.

thinkchildsafe campaign cambodia

Die ThinkChildSafe-Kampagne: Kinder sind keine Touristenattraktion!

Das soll natürlich nicht heißen, dass man als Tourist gar nichts tun kann und soll – es gibt durchaus eine Menge, was den Menschen in ärmeren Ländern helfen kann. Das macht aber halt weniger Spaß: Anstatt ein Waisenhaus in persona zu besuchen, kann man ihm Geld oder Essen spenden, am besten regelmäßig; man kann an Kinderhilfsorganisationen, Ärzte ohne Grenzen oder Menschen gegen Minen spenden; man kann zu Hause nachhaltig konsumieren, statt Billigwaren aus Sweatshops zu kaufen und so weiter.

Nachhaltigkeit bedeutet für uns: Wir behalten das Gesehene und Erlebte in unseren Gedanken, wir sprechen immer wieder mit unseren Kindern darüber und natürlich spenden wir regelmäßig. Unsere diesjährige Weihnachtsspende geht an UNICEF Kambodscha, um Kindern zu helfen, die Opfer von Landminen geworden sind.

Fazit: Die richtigen Dinge zu tun und die falschen Dinge nicht zu tun, ist bei Reisen durch Laos, Kambodscha und Vietnam gar nicht so einfach…

3 Kommentare

  • Hallo liebe Weltwunderfrau – finde deinen Artikel sehr gut. Doch wenn ich mir eine Ergänzung erlauben darf: Der Aufruf, nichts bei Kindern zu kaufen, ist grundsätzlich richtig. Aber es entsteht leider ein Reflex – nämlich der, dass gar nichts gekauft wird, auch nicht bei den Erwachsenen. Und damit ist den Familien auch nicht geholfen. Und du selbst schreibst ja, dass diese Kinder von Erwachsenen beaufsichtigt werden. Also kann man auch direkt bei ihnen etwas kaufen. Hier fehlt mir persönlich der entsprechende Appell als direkte Alternative, eben um diesen Reflex aufzulösen. Habe dazu in meinem Blog einen Artikel verfasst, weil auch mich das Thema schon lange beschäftigt. LG 🙂 Inga

  • Uns ging es auch so als wir in siem reap waren, man ist hin und her gerissen. Wir haben uns auf nichts eingelassen auch wenn einen dad schlechte gewissen plagt! Wir sind mit den Rädern raus aufs Land und in abgelegenen Dörfer gefahren und haben dort in der Armut glückliche fröhliche Menschen getroffen die uns zu winkten Hello riefen und nichts anderes von uns wollten. In der Stadt ist es erschreckend wie es zu geht, wie Kinder im Park betteln und scheinbare Gartenarbeiterinnen die eigentlichen Aufseherinnen der Kinder sind. Das macht einen sehr wütend. Man muss sich in siem sehr zu helfen und wehren wissen, sonst lauft vieles unter abzocke!

    • Du hast recht, Nina. Oft weiß man überhaupt nicht, was man denken oder tun soll – alles fühlt sich richtig und falsch zugleich an. Wir fanden es besonders schwer, mit unseren Kindern darüber zu reden. Wie soll man die Ungerechtigkeit der Welt erklären, ohne zynisch zu werden?

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