Das große Fazit: Vietnam – Licht und Schatten

Seit Tagen verspreche ich es Gott und der Welt und seit Tagen drücke ich mich darum herum: Ein Fazit unserer Reise durch Vietnam und Kambodscha zu ziehen, ist schwieriger als gedacht. Achtung, das hier wird lang…

IMG 6521 Das große Fazit: Vietnam   Licht und SchattenFanden wir unsere Reise schön, sind wir zufrieden mit dem Erlebten, würden wir alles wieder genauso machen? Ja, ja und (mit Einschränkungen) ja.

Werden wir Vietnam als Reiseland weiterempfehlen, werden wir wiederkommen? Nein.

Zuerst einmal: Die Reise durch Vietnam und Kambodscha war wesentlich anstrengender, aber auch reichhaltiger, als es eine Neuseelandreise jemals sein kann: Anstatt Ruhe zu finden und Zeit für uns selbst zu haben, beschäftigten uns diese beiden Länder, ihre Eigenarten, ihre Geschichte und ihre Probleme so sehr, dass wir quasi konstant Neues lernten und das Gelernte an unsere Kinder weitergaben (na ja, zumindest an das Größere). Selbstfindung nein, dafür maximaler Input auf allen Kanälen sozusagen.

IMG 61881 Das große Fazit: Vietnam   Licht und SchattenBereits während der Reise ist es uns immer wieder passiert: Wir haben gemeckert, geflucht und geseufzt über Vietnam und die Vietnamesen, die es uns nicht einfach gemacht haben, sie und ihr Land zu mögen. Das ist zum einen die asiatische Mentalität, auf die man sich einfach einstellen muss: immer lächeln, niemals direkt Nein sagen, kaum Privatsphäre und ein anderes Zeitverständnis – das muss man akzeptieren, auch wenn es im Alltag mitunter nervt. Gruselig und eklig ist das eklatant andere Verhältnis aller Asiaten zu Tieren – nix mit Feng Shui und Einklang mit der Natur, die wird gegessen, genutzt und ausgebeutet, so weit es geht. Damit muss man klarkommen, mögen muss man es nicht.

Dass Vietnam darüber hinaus ein Entwicklungsland ist, das immer noch an den Folgen von mehreren Jahrzehnten Krieg knabbert, sieht man allerorten; an der dünnen Infrastruktur, den maroden Wasserleitungen, den ärmlichen Dörfern usw. Bis zum Ende der 1980er-Jahre waren die Vietnamesen abhängig von Hilfslieferungen aus Osteuropa und mussten Tierfutter essen; die Freude darüber, nun wieder nach Herzenslust essen und konsumieren zu können, sieht und schmeckt man überall. Für uns Touristen bedeutet das: kaum akzeptable Krankenversorgung (zum Glück nicht gebraucht), schlechte Straßen, viel Dreck, aber auch – nicht zu vergessen – pittoreske Bilder und Erinnerungen daran, wie Alltag auch ohne Elektrizität, Hygiene und Technik funktioniert.

Dass man um Preise grundsätzlich feilschen muss und von Straßenhändlern regelrecht belästigt wird, ist zwar nervig, aber auch in anderen Ländern üblich. Dass man in Vietnam der Meinung ist, Touristen wollten hauptsächlich shoppen und kutschiert werden – okay. Die vietnamesischen Touristen sind offenbar tatsächlich dieser Meinung, und dass man mehrere Kilometer freiwillig läuft, wenn man doch genug Geld für ein Moped-Taxi hätte, ist einem Vietnamesen mit einem Monatseinkommen von unter 30 Dollar sicher schwer verständlich.

Viel häufiger haben wir uns in Vietnam aber darüber geärgert, wie unverschämt man versuchte, uns Geld aus der Tasche zu ziehen – teils durch windiges Gebaren und halbseidene Versprechungen von Tourismusveranstaltern, teils durch nicht nachvollziehbare bürokratische Windungen, die wir einfach akzeptieren oder glauben mussten. Mitunter aber auch durch freche Betrugs- und Abzockversuche, die aggressiv machen – wir versuchen als Reisende, unser Gastland so offen wie möglich wahrzunehmen und den Menschen größtmöglichen Respekt entgegenzubringen, um im Gegenzug wie wandelnde Geldautomaten ohne Hirn behandelt zu werden?!

IMG 6698 Das große Fazit: Vietnam   Licht und SchattenEine oder zwei dieser Erfahrungen macht man in jedem Urlaub, verbucht sie als dumm gelaufen und lacht später darüber. In Vietnam haben wir jedoch immer wieder und fast täglich solche kleinen Erlebnisse gehabt, die uns nicht nur kurzfristig die Stimmung trübten, sondern leider ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber jedem freundlichen Vietnamesen erzeugten, der uns zu offen begegnete. Mit so einer Grundeinstellung machen wir nicht gern Urlaub.

Da hilft es wenig, wenn man sich über die politischen Hintergründe informiert und daran erinnert wird, wie absolut die Kommunistische Partei Vietnams im Stil Mao-Chinas immer noch das Sagen hat. Eine nicht vorhersehbare, zum Großteil fehlgelenkte Wirtschaftspolitik, die ständig zwischen Öffnung und panischer Abschottung oszilliert, schafft kaum eine gute Basis, um zahlungskräftige Gäste langfristig willkommen zu heißen. Wer die Gelegenheit hat, der macht so viel Geld mit den Ausländern wie möglich – morgen könnte es schon wieder vorbei sein. Ein katastrophales Korruptionsgewirr in einer kafkaesken Bürokratie und einer Klassengesellschaft, in der nur diejenigen mit Parteibeziehungen eine Chance auf Wohlstand haben, bringen nicht das Beste im Menschen hervor.

IMG 5139 Das große Fazit: Vietnam   Licht und SchattenDazu kam der Ärger über so viele vermeidbare Dummheiten, die uns das Herz schmerzen ließen. So viele herrliche Strände, die von Müll verschandelt sind, direkt neben riesigen (und leeren) Luxus-Hotelanlagen, mit denen Kilometer um Kilometer der Küste zugebaut wird. Tolle Panoramen, die mit grottenhässlichen Beton-”Viewing Towers” blockiert werden. Schnorchelausflüge in marine Schutzgebiete, bei denen man im trüben Wasser gar nichts sehen kann und am Strand statt Muscheln nur Korallenstücke findet. Naturparks, in denen man überhaupt keine größeren Tiere mehr sehen kann, denn die sind inzwischen fast ausgerottet, vertrieben oder aufgegessen worden.

Und schließlich brachten uns Vietnam und seine Nachbarländer mit dunklen bis tiefschwarzen Kapiteln der neueren Geschichte in Berührung, die einem bei näherer Beschäftigung einen Stein ins Herz legen – ganz zu schweigen von der Problematik, einer wissbegierigen Siebenjährigen die Roten Khmer, Landminenopfer oder die Schattenseiten der Globalisierung zu erklären. Woher kommt das Böse im Menschen und warum steckt es in jedem von uns?

IMG 5775 Das große Fazit: Vietnam   Licht und SchattenIch könnte noch lange so weiterschreiben …

… tue es aber nicht, denn wir haben auch jeden Tag tolle Dinge erlebt und sehr freundliche und warme Menschen getroffen, die uns berührt haben. Wir mussten immer wieder wohlmeinende Hände von unserem blonden Sohn fernhalten, der schwer genervt war – aber weder wurden die Tätschler gegen seinen Willen handgreiflich, noch konnten wir ihnen etwas vorwerfen, denn sie wollten wirklich immer nur freundlich zu ihm sein. Wir haben uns an Nudelsuppen verschiedenster Art übersatt gegessen und den besten Kaffee unseres Lebens getrunken. Wir haben so gute Freunde kennengelernt, dass wir uns eine Vietnam-Reise ohne sie im Rückblick gar nicht vorstellen mögen.

IMG 6757 Das große Fazit: Vietnam   Licht und SchattenUnsere Favoriten in Vietnam:

  1. eine Straße in Saigon oder Hanoi überqueren – ein Wahnsinnsgefühl, wenn man sich traut, den Verkehr einfach um sich herumfließen zu lassen
  2. Moped fahren im gemäßigten Stadtverkehr von Hoi An und auf den Bergstraßen von Sapa
  3. An Bang Beach in Hoi An
  4. Cao Lau essen im “Mermaid Restaurant” in Hoi An
  5. die Berge und Wasserfälle von Sapa
  6. die Pagoden und alten Häuser von Hoi An
  7. die Höhlen in den Marble Mountains, besonders die riesige Huyen-Khong-Höhle
  8. die roten und weißen Dünen in Mui Ne
  9. in Saigon im Straßencafé sitzen und einfach nur schauen
  10. “Ca Phe Sua Da” trinken – hmmm…

IMG 6361 Das große Fazit: Vietnam   Licht und SchattenUnser Alltime-Favourite des gesamten Urlaubs aber, und das ist wohl auch symptomatisch für die gesamte Reise, war überhaupt nicht in Vietnam. Wir waren überwältigt von der Schönheit, der Freundlichkeit und der Fremdheit von Kambodscha - nicht nur im Tempelkomplex von Angkor Wat, der einfach alle Maßstäbe sprengt. Die unglaubliche Offenheit der Kambodschaner und vor allem das Selbstbewusstsein und die Schönheit (sorry, liebe Vietnamesen) der kambodschanischen Kinder haben uns wirklich beeindruckt.

IMG 5670 Das große Fazit: Vietnam   Licht und Schatten

Kambodschas Vergangenheit ist so tiefschwarz, dass wir prinzipiell in jedem Gleichaltrigen ein Trauma-Opfer (oder einen Täter) vermuten mussten, und auch seine Gegenwart und Zukunft sehen traurig aus – und doch sahen wir hier, bei den Straßenkindern, den Souvenirverkäufern und auch bei den amputierten Minenopfern so viel Lachen und Lebensfreude wie nirgends in Vietnam. Die sanfte, orangerote buddhistische Lebensart, von der man in Vietnam wenig spürt, ist hier noch sehr lebendig. Nach Kambodscha werden wir definitiv zurückkommen!

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12 Responses to Das große Fazit: Vietnam – Licht und Schatten

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  4. Silke (2 comments) says:

    Hallo Jenny,

    auch wenn dieser ehrliche Bericht mit seinen Licht- und Schattenseiten nicht bedingungslos Lust auf Vietnam macht, oder vielleicht gerade deshalb, weil nicht alles einfach nur so klasse war, bestätigt mich das in meinem Wunsch, dort auch mal mit meiner Familie hinzureisen. Schon allein der Nudelsuppen wegen…

  5. Tina (2 comments) says:

    Hi Jenny,
    toller und ehrlicher Artikel über Eure Reise- klasse! Bin gespannt, welches Reiseziel Ihr Euch dann als nächstes aussuchen werdet. Wir sind viel unterwegs gewesen in den letzten Monaten, ich muss noch meinen Blog aktualisieren. Letztendlich haben wir Wellington verlassen und sind nun wieder in Köln. So viel zu Deiner Frage, warum lange keine Einträge mehr kamen. Werde aber das Bloggen nun wieder aufnehmen, es gibt noch viel zu berichten. Lieben Gruß, Tina

    • Weltwunderfrau (146 comments) says:

      Neiiin, da sind ja spannende Dinge passiert down under! Bin gespannt, von euren Gründen für die Rückkehr zu lesen :-)

  6. Walter (1 comments) says:

    Ein ganz toller Artikel von Vietman. Haben 6 Monate von Singapur, Malyasien, Thailand, Kambodscha und Vietnam bereist. Vietnam ist noch sehr vom Krieg gezeichnet. Auch bei der Ernährung sieht man immer noch die ganzen noch lebenden Tiere von Schlangen und Echsen welche frisch zubereitet werden. Die sind diese Nahrung noch von den schweren Zeiten gewohnt. Als Tourist ist dies natürlich oft schockierend. Vietnam braucht sicher noch lange um Thailand als Touristenland nachzukommen. Danke für den tollen Artikel.

  7. Jörg (1 comments) says:

    Hallo Jenny,

    wahnsinn, da habt ihr ja wirklich Licht und Schatten erlebt. Ich reise auch nicht gerne, wenn ich das Gefühl habe, dass mich jemand übers Ohr hauen will. Aber doch auch schön, dass ihr so viele tolle Dinge erlebt habt. Danke für den Artikel und die Einsicht in das Land und die Kultur. Jörg

  8. Frau Hibbel (10 comments) says:

    Ich kann Euer Fazit voll und ganz nachvollziehen, habe ich doch genau die gleichen Erfahrungen gemacht. In Kambodscha war ich zwar schon 2003 und in Vietnam gar 1999, aber ich dachte seitdem hätte sich bestimmt viel geändert. Scheinbar ist dem aber nicht so. Nach Kambodscha würde ich immer wieder fahren. Die Menschen, ihre Geschichte und die Kultur haben mich sehr berührt. Vietnam fand ich zwar superinteressant, aber oftmals auch einfach nur anstrengend, nervig und unglaublich heiss. Und die asiatische Freundlichkeit konnte ich in Vietnam auch oft nicht finden. Im Gegenteil – wenn wir kein Geld rausrücken wollten, wurden wir zum Teil lauthals beschimpft. Das fand ich sehr befremdlich und fühlte mich oft einfach nur wie ein durch die Gegend laufender Dollar-Schein. Danke für den Bericht! Sehr interessant. Liebe Grüße!

    • Weltwunderfrau (146 comments) says:

      Danke für deine Bestätigung, Frau Hibbel! Auch wenn es in diesem Fall schon eher traurig ist, wie viele Reisende das ähnlich sahen wir wir…

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