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Buchtipp und Interview: Neuseeland, das „Bonusland“

Was tun, wenn man gerade nicht durch Neuseeland reisen kann? Man liest ein gutes Buch und träumt sich von der Couch ans andere Ende der Welt. Meine eigenen Neuseeland-Bücher kennt ihr ja schon – „Bonusland“ ist ein echter Bonus-Lesetipp, der mich selbst überrascht hat!

Waikawau Tunnel Beach Taranaki Graeme Churchard

Neuseeland ist ein einziges „Bonusland“, findet Götz Nitsche © Graeme Churchard unter CC 2.0

„Dieser Strand ist weit mehr als eine bloße Erinnerung, eine weitere Station im Fotobuch. Er ist ein Gefühl.“

Kennt ihr das? Ihr entdeckt auf Reisen diesen einen, hammergeilen, unbeschreiblich schönen Ort und wisst: Genau dieser Ort wird euch für alle Zeit der Welt im Gedächtnis bleiben als DER Ort eurer ganz persönlichen Erinnerung; das Gefühl eurer Traumreise, kondensiert auf genau diesen einen Punkt.

Der Strand an der nördlichen Küste von Taranaki, den Götz Nitsche für sich zum „Bonuslevel“-Strand deklariert hat, ist uns nicht unbekannt – auch wenn er nach wie vor als Geheimtipp durchgehen könnte. (Ich verrate hier ganz bewusst nicht, wo er genau liegt – denn ihr sollt ja nicht den, sondern euren eigenen Bonuslevel-Strand finden.)

Neuseeland ist für Götz Nitsche aber ein so unglaublich schönes Land, dass er es direkt insgesamt als „Bonusland“ bezeichnet – und auch das können wir total verstehen. Euch geht es ja sicher nicht anders, oder?

Unser „Bonuslevel“-Strand: Tongaporutu Beach, ganz in der Nähe

Ein weiteres Neuseeland-Buch – tut das not?

Ich war ja wirklich skeptisch, ob mich „Bonusland“ überzeugen würde – immerhin interessiere ich mich inzwischen kaum noch für die übliche Backpacker-Selbstfindungs-Literatur (Surfen, Saufen, Sex mit möglichst vielen Frauen haben… gähn). Und Götz ist genau der typische Uni-Absolvent, der uns in Neuseeland zuhauf über den Weg gelaufen ist: Studium fertig, aber jetzt bloß nicht gleich rein ins Hamsterrad, sondern erst nochmal die Welt entdecken!

Was die jungen Leute dann meistens entdecken, ist nicht die Welt (denn die ist heutzutage schon recht gründlich entdeckt), sondern sich selbst – oder wenigstens die Grenzen des eigenen Komforts. (Oder sie merken, dass sie schon mit dem Abwasch in der Hostelküche überfordert sind…)

Seine Grenzen hat Götz in den drei Monaten, in denen er durch Neuseeland geradelt ist, gründlich ausgetestet; sowohl physisch als auch psychisch. Er ist ständig am Kämpfen: mit unerwarteten Steigungen, mit schlechtem Gewissen gegenüber allzu freundlichen Gastgebern oder mit seinem Sparzwang, der ihm selbst unheimlich ist. Und hinter allem steigt immer wieder die Angst hoch, das falsche Fach studiert und sich für das falsche Leben entschieden zu haben.

Götz Nitsche Porträt

Götz, der Extrem-Radfahrer: Socken müssen als Handschuhe reichen! © Götz Nitsche

Götz ist also einer der typischen Vertreter dieser Generation, die eigentlich alles haben, aber ständig am Grübeln sind, dass es doch mehr im Leben geben muss. Klingt langweilig? Zum Glück ist er auch noch mit einem aufmerksamen Blick für seine Umgebung, einem realistischen Blick auf sich selbst und einer guten Portion Humor gesegnet.

All das macht „Bonusland“, in dem Götz seine Extrem-Budget-Radtour durch Neuseeland beschreibt, zu einem überraschend guten Lese-Erlebnis. „Bonusland“ ist kurzweilig, auch für Neuseeland-Kenner interessant und überaus witzig geschrieben.

Es hat mich außerdem so neugierig auf den Autor gemacht, dass ich Götz angeschrieben und ihm ein paar Fragen zu seinem Buch, seinem Leben nach der Reise und den Attentaten in Christchurch gestellt habe. Seid ihr neugierig?

Buch-Interview: 10 Fragen an Götz Nitsche

Weltwunderer: Lieber Götz, du wolltest eigentlich auf deiner Weltreise gar nicht nach Neuseeland kommen, oder? Was hat dich umgestimmt?

Götz: Ich hatte eigentlich nur den Plan, ein Jahr lang dem Sommer westwärts um die Welt zu folgen. Ich hatte zunächst nur einen Flug nach El Salvador, dann weiter nach Panama. Alles weitere wollte ich auf mich zukommen lassen. Neuseeland erschien mir für mein Budget zu teuer.

Dann kamen aber zwei Dinge zusammen: Erstens führte der einzige Flug über den Südpazifik von Chile nach Neuseeland – und zweitens traf ich einen Radwanderer, der mich auf die Idee brachte, dasselbe zu tun.

Weltwunderer: Bist du nach deiner Radtour über beide Inseln noch in andere Länder gereist, oder ging es danach zurück in die Heimat?

Götz: Nach zweieinhalb Monaten auf den Straßen Neuseelands war der Winter eingebrochen. Ich musste dringend wieder zurück in die Tropen! Also flog ich nach Bali zum surfen und reiste quer durch Südostasien. Das war mir aber bald schon wieder zu touristisch und ich flog stattdessen nach Nepal und wanderte durchs Himalaya. Ein halbes Jahr war ich nach der Radwanderung noch unterwegs!

Weltwunderer: Als Schüler warst du schon einmal für ein Jahr in Neuseeland gewesen. Wie sehr hatte sich das Land verändert, als du wiederkamst?

Götz: Glücklicherweise wenig. Es war und ist noch immer das Idyll am Ende der Welt, das ich in meinem Herzen bewahrt hatte. Meine Gastfamilie nahm mich mit derselben Herzlichkeit auf wie damals. Es gab nun zwar eine Umgehungsstraße um den Ort, und in Fast-Food-Filialen gab es nun WLAN, aber ansonsten war alles beim Alten. Auch die gewaltigen Unterschiede, die es zwischen Deutschland und Neuseeland so gibt.

Weltwunderer: Was waren für dich damals die größten Unterschiede als Schüler?

Götz: Darüber schrieb ich damals einen Artikel für die Schülerzeitung. Vor allen Dingen sind es die Häuser. In Neuseeland kümmert sich kaum jemand um eine gescheite Isolierung, viele Wände bestehen aus kaum mehr als zwei Pressspanplatten. Das mag verwundern, zählt doch Neuseeland zur ersten Welt. Aber in Neuseeland findet das Leben draußen statt, jeder hat ein hübsches Stück Land um sein Haus herum. Trotzdem wird es im Winter auch mal kalt, dann hocken halt alle um einen kleinen Ölofen im Wohnzimmer.

Der allergrößte Unterschied ist aber die Sonne: Weil Neuseeland südlich des Äquators liegt, läuft sie von rechts nach links über den Himmel. Das hat mich am Anfang echt verwirrt…

Weltwunderer: Würdest du anderen Kindern/Jugendlichen ein Schuljahr in Neuseeland empfehlen?

Götz: Definitiv! Ausrufezeichen! Wo auch immer du landest, es wird dir gefallen!

Mokau Schafweiden

Irgendwo zwischen diesen Schafweiden liegt der Bonuslevel-Strand

Weltwunderer: Was bedeutet das Leben in Neuseeland heute für dich, im Unterschied zu deinem Leben in Deutschland?

Götz: Leben in Neuseeland bedeutet für mich: Outdoor. Jetzt, da ich das Land mit dem Fahrrrad bereist habe, umso mehr! Ein vergleichbares Leben wäre in Deutschland gar nicht möglich. Wäre jeder Neuseeländer an der Küste, hätte er noch immer knapp 3 Meter Strand für sich alleine. In Deutschland reicht es gerade noch für die Breite eines dicken Zehs.

Weltwunderer: Die Attentate in Christchurch haben eine dunkle Seite an Neuseeland offenbart. Hast du Rassismus und Fremdenhass in Neuseeland erlebt – und wie würdest du das einordnen im Vergleich zu den Verhältnissen in Europa?

Götz: Geistig kranke Menschen gibt es leider überall. Da wäre es Quatsch zu sagen: „Das war ja gar kein Kiwi, das war ein Australier.“ Es gibt auch Rassismus in Neuseeland, wie sollte es auch anders gehen? Man merkt zum Beispiel, dass einige Weiße Vorurteile gegenüber den Maori haben. Offenbar halten sie manche für faul, sagen, sie würden das Sozialsystem ausnutzen.

Ich wurde sogar einmal von einer Maori-Familie eingeladen, wo genau das der Fall zu sein schien. Aber machen sie das nun mehr als die Weißen? Keine Ahnung. Ich ging damals auf einer Schule, auf die fast ausschließlich Maori gingen und habe gelernt, dass sie ein anderer Menschenschlag sind, mit weniger Interesse an einer klassischen „Karriere“, dafür unglaublichen Talenten in Kunst und Sport. Das schöne ist, dass die Durchmischung in Neuseeland insgesamt gut funktioniert, und die allermeisten Menschen die Unterschiede auch richtig einordnen – und vor allen Dingen die Gemeinsamkeiten sehen. Nämlich, dass sie alle Einwanderer in einem paradiesischen Land sind.

Weltwunderer: Der Name „Bonusland“ deutet für mich als Leser an, dass Neuseeland dein absoluter Favorit ist – stimmt das? Und woran liegt es?

Götz: Das kann man wohl so sagen. Wäre Neuseeland nicht so weit entfernt, wäre ich wohl längst ausgewandert. Aber das sagen wohl die meisten, die von dort zurückkommen. Es hat einfach alle Landschaften, die man sich nur wünschen kann, und die Menschen sind total entspannt. Ich glaube ja, das hängt irgendwie zusammen. Die Schönheit derr Natur beflügelt.

Das Buch heißt aber auch aus einem anderen Grund „Bonusland“. Den erfährt man, wenn man es liest…

Waikawau Tunnel Beach Graeme Churchard

Den Bonuslevel-Strand erreicht man nur durch einen Tunnel © Graeme Churchard unter CC 2.0

Weltwunderer: Was möchtest du Reisenden mitgeben, die gern nach Neuseeland wollen?

Götz: Nehmt euch Zeit! Ich denke, für einen zweiwöchigen Urlaub sollte man nicht um die halbe Welt fliegen, da ist der Jetlag kaum überwunden, bis es wieder zurück geht. Drei, lieber vier Wochen sind das Minimum! Und, achja: Nehmt euch ein gutes Buch mit…

Weltwunderer: Im Buch hast du es nicht verraten, aber wir wollen natürlich wissen, wie es weiterging: Hast du jetzt den ersehnt-gefürchteten Ingenieursjob angetreten? Oder machst du etwas ganz anderes?

Götz: In dem Buch stehe ich zwischen Studium und dem Arbeitsleben, und ich hadere mit meiner Entscheidung, Ingenieur geworden zu sein. Ich habe dem Ingenieurberuf anschließend einige Jahre eine Chance gegeben – inzwischen habe ich aber neu angefangen und werde Heilpraktiker – und natürlich Buchautor.

Bonusland Cover

© Conbook Verlag

Weltwunderer: Wann hast du dich entschlossen, ein Buch über deine Zeit in Neuseeland zu schreiben, und wie lange hat es gedauert?

Götz: Ich wusste von Anfang an, dass diese Abenteuer, die ich auf meiner Reise erlebte, spannend genug waren, um ein Buch darüber zu schreiben. Doch mir fehlte zunächst der rote Faden, der aus einem reinen Reisebericht eine richtige Geschichte macht. Erst als ich schon eine Weile als Ingenieur arbeitete, kamen die ganzen inneren Prozesse bezüglich meiner Zukunft wieder hoch, die ich während der Reise durchlief.

Ich habe dann zunächst mein erstes Buch abgeschlossen, das ich während der Reise begonnen hatte (den Roman „Weg Wollen“), dann schrieb ich „Bonusland“. Da dies neben dem Beruf geschah, dauerte es etwa ein Jahr.

Der Abschluss fiel dann auch – Zufall oder nicht – mit meiner Kündigung des Ingenieurberufs zusammen. So war das Schreiben auch ein Abschluss dieses Prozesses, den ich in Neuseeland begann.

Wir wünschen dir weiterhin viel kreative Schaffenskraft und dass du dein Leben so führen kannst, wie du es dir erträumst!

Buch-Infos:

Götz Nitsche: Bonusland – ein Mann, ein Rad, eine Sehnsucht
Conbook Verlag, März 2019
352 Seiten
Preis: 14,95 Euro (Ebook 13,99 Euro)

Wenn ihr „Bonusland“ kaufen wollt, geht das a) im Buchladen eures Vertrauens, b) über Amazon* oder c) im Shop des 360° medien Verlags. Auf dem Reiseblog von Götz findet ihr noch viel mehr spannende Berichte aus anderen Ecken der Welt, von Guatemala bis Grönland!

3 Kommentare

  • Liebe Jenny,
    mir geht es mit den meisten Reiseberichten wie dir. Der Selbstfindung-Schreibe einsamer Backpacker (wahlweise Backpacker-Pärchen) kann ich nicht allzu viel abgewinnen. Schön, dass es dann doch immer wieder Ausnahmen gibt.
    Liebe Grüße
    Gela

  • Hört sich spannend an, vor allem auch für Leute die das Land schon kennen und auch da waren. Kurzweilig und witzig klingt auch nach meinem Geschmack an.

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