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Terror in Neuseeland: Was ihr über den Anschlag in Christchurch wissen müsst

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Es kam als absoluter Schock über die Menschen in Neuseeland: Am frühen Nachmittag des 15. März 2019 drang ein Bewaffneter in zwei Moscheen in Christchurch ein und schoss dort wahllos die Gläubigen nieder, die sich gerade zum Gebet versammelt hatten. Was müsst ihr als Reisende in Neuseeland wissen? Besteht nun auch Gefahr für Touristen?

Kia Kaha Christchurch

Dieser Beitrag wurde am 17.03.2019 überarbeitet und ergänzt.

Über den Hergang und die Hintergründe der Tat könnt ihr euch bei den einschlägigen Nachrichtenportalen ausführlich informieren – auch auf Wikipedia gibt es schon einen ausführlichen Eintrag. Bisher gilt als sicher: Mindestens 42 Menschen, darunter auch kleine Kinder und Senioren, starben in der Al-Noor-Moschee in Riccarton, sieben weitere im Islamic Centre in Linwood. 50 weiter wurden zum Teil schwer verletzt.

-> Auf dieser Website der neuseeländischen Online-Zeitung Stuff werden alle Opfer persönlich vorgestellt – nehmt euch die Zeit, sie kennenzulernen! Besonders tragisch finden wir es, wie viele kleine Kinder bei dem Attentat ihre Eltern verloren haben. Auf diese Weise wirkt Terror noch Generationen nach…

Als Verdächtige wurden zunächst drei Männer und eine Frau festgenommen, in deren Fahrzeugen nahe dem Stadtzentrum außerdem zwei Sprengfallen sichergestellt wurden (einer wurde inzwischen wieder freigelassen).

Der 28 Jahre alte Haupttäter*, der aus Australien stammt und vor kurzem nach Christchurch gezogen war, wurde kurz nach seinem Angriff auf die zweite Moschee überwältigt und verhaftet – nachdem ihn zwei mutige, unbewaffnete Männer vertrieben hatten. Er hatte sich während der Attacke mit einer Helmkamera gefilmt und das Video live auf Facebook gestreamt.

* Er hat einen Namen, aber genau wie Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern werden wir den hier nicht nennen – er soll keinerlei Würdigung seiner Tat erfahren.

In dem „Manifest“, das er ebenfalls vor der Tat ins Internet gestellt hatte, erklärte er, mit seiner Tat wolle Muslime daran hindern, sich über die ganze Welt zu verbreiten. Außerdem rief er dazu auf, Angela Merkel (!), den türkischen Präsidenten Erdogan und den Bürgermeister von London, Sadiq Khan, zu töten. (US-Präsident Trump wurde dagegen als „Symbol einer erneuerten weißen Identität“ gelobt.) Nach den Attacken in Christchurch plante er, weiter nach Ashburton zu fahren – so weit kam er zum Glück aber nicht.

So weit, so altbekannt für uns in Europa (erinnert es euch auch an den Anschlag in Utøya?) – dass es in Neuseeland zu einem Anschlag mit offenbar rechtsradikalem Hintergrund kommen konnte, überraschte die Neuseeländer aber nicht minder als uns Touristen.

Nach dem Anschlag – wie geht es weiter?

Die Polizei und die Regierung riefen in den Stunden nach dem Anschlag die Bevölkerung zunächst zur Vorsicht auf: Alle sollten zu Hause bleiben und keine Moscheen aufsuchen. Schulen und Kindergärten wurden geschlossen. Mehrere Straßen in der Innenstadt von Christchurch waren gesperrt, einige Regionalflüge mussten annulliert werden.

Premierministerin Jacinda Ardern verurteilte die Anschläge aufs Schärfste. Sie drückte außerdem in ihrer unnachahmlich direkten und offenen Art ihre absolute Solidarität mit den in Neuseeland lebenden Muslimen aus: „Sie haben Neuseeland als ihre neue Heimat gewählt. Hier ist ihr Zuhause. Sie sind wir. (…) Sie hätten hier sicher sein sollen.“ (Haben wir so etwas schon einmal von deutschen Politikern gehört?)

Mit einem schwarzen Kopftuch drückte Ms Ardern bei ihrem Trauerbesuch in Christchurch die größtmögliche Anteilnahme aus. Sie kam ohne Presse-Tross gleich am Samstag ins Refugee Centre und ging dort mit den Trauernden auf Tuchfühlung: Bilder von ihr, wie sie andere Frauen innig umarmt, gingen um die Welt. (Und niemand in Neuseeland hat sich darüber das Maul zerrissen, ob das angemessen ist.)

Eines ist klar: Dem Klischee vom Paradies, das von den politischen Unruhen der restlichen Welt verschont bleibt, können sich Reisende nun nicht mehr hingeben.

Wellington Te Papa Treppen Love

Hier kann nichts passieren – oder?

Bereits am Tag nach dem Attentat kündigte Ms Ardern an, dass die – bisher sehr laschen – Waffengesetze in Neuseeland umgehend verschärft würden. Der Täter, ein offenbar im Internet radikalisierter „White Supremacist“ (also ein Nazi), hatte seine fünf halbautomatischen Waffen legal in Neuseeland gekauft (und dann illegal modifiziert, so dass ihre Magazine mehr Schüsse enthielten).

Sofort nach der Ankündigung setzte ein Run auf neuseeländische Waffengeschäfte ein. Um den ekelhaften Hamsterkäufen von halbautomatischen Waffen ein Ende zu setzen, wird erwartet und gehofft, dass die Regierung bereits am Montag ein Verkaufsverbot für diese Waffensparte ausspricht. Inzwischen haben viele Farmer und Jäger begonnen, freiwillig ihre halbautomatischen Waffen abzugeben – super!

Sehr kritische Nachfragen müssen sich in nächster Zeit auch Facebook, Twitter und YouTube in Neuseeland stellen lassen. Das 17 Minuten lange Live-Video vom Attentat war lange online zu sehen und wurde hundertfach geteilt, bevor die Filter der beiden Plattformen aktiv wurden.

Schließlich steht auch der neuseeländische Staat selbst am Pranger: Wie konnte ein Rechtsradikaler, der online offenbar sehr aktiv war, keinem Geheimdienst auffallen? Sind die rechten Gruppierungen, die wohl vor allem in Christchurch aktiv sind, einflussreicher, als angenommen wurde?

Muss man aber nun Angst vor Terror in Neuseeland haben?

Jein.

Eines ist klar: Vor Terroranschlägen und Amokläufen ist man nirgends auf der Welt völlig sicher. Neuseeland wird aber auch nach den aktuellen Terroranschlägen vom Auswärtigen Amt nicht als gefährliches Reiseziel eingestuft. Das heißt auch, dass euch euer Reiseveranstalter keine Kosten für eine vorzeitige Abreise erstatten muss – und so eine überhastete Entscheidung ist auch gar nicht nötig.

Nach wie vor ist es (selbst in europäischen Großstädten) extrem unwahrscheinlich, Opfer eines Terroranschlags oder Amoklaufs zu werden. Gerade in Neuseeland seid ihr ja fast ausschließlich außerhalb von Städten unterwegs, die bevorzugte Ziele von Terroristen sind.

In den nächsten Tagen solltet ihr sicherheitshalber die Innenstadt von Christchurch meiden und für Abflüge und Ankünfte an neuseeländischen Flughäfen etwas mehr Zeit für Kontrollen einkalkulieren. Generell ist mit mehr Polizeipräsenz in der Stadt zu rechnen und eventuell kommt es auch hier zu Kontrollen. Insgesamt ist es vielleicht eine gute Idee, Moscheen in ganz Neuseeland erst einmal zu meiden; die Polizei warnte davor, dass es auch in anderen Teilen des Landes weitere Anschläge geben könnte.

Wenn ihr Freunden und Familie daheim versichern wollt, dass ihr wohlauf seid – oder wenn ihr Sorge habt, dass Verwandte oder Bekannte unter den Opfern der Schießerei sein könnten -, dann schaut auf die Restoring Family Links (RFL)-Website. Die Website der Polizei von Canterbury ist eine gute Informationsquelle für weitere Entwicklungen.

Die Reaktionen der Neuseeländer, die wir in den sozialen Netzwerken gesehen haben, und die Nachrichten über heldenhaft mutige Ersthelfer, die schon während der Schießerei verletzte Menschen retteten, zeigen aber eines ganz deutlich: In Neuseeland wird kein Klima der Angst oder des Hasses entstehen. Hier blickt man nicht misstrauisch auf Muslime und schiebt ihnen die Schuld an den Anschlägen zu, weil andere Muslime auf der anderen Seite der Welt im Namen der Religion Gräueltaten begehen.

Im Gegenteil: In den Tagen nach dem Anschlag haben sich zehntausende Menschen in allen Städten Neuseelands zu Trauerfeiern und Gedenk-Kundgebungen versammelt. Die Solidarität und das Mitgefühl mit der muslimischen Minderheit in Neuseeland sind überwältigend.

Auch wenn es natürlich auch in Neuseeland rechtes Gedankengut, Verschwörungstheorien und Rassisten gibt – die Gesellschaft als Ganzes hält hier zusammen und steht füreinander ein. Wenn es ein Land gibt, in dem ihr ohne Sorgen um eure Sicherheit reisen und leben könnt, dann ist das Neuseeland!

So little happens in New Zealand

Stimmt das Zitat noch?

Wie viele Muslime gibt es denn in Neuseeland?

Die Bevölkerung Neuseelands ordnet sich hauptsächlich dem Christentum zu; nur knapp 1 Prozent sind Muslime (das sind etwa 36.000 Menschen). Die sind aber zum Teil schon sehr lange da: Die chinesischen Goldsucher, die in den 1870er-Jahren nach Neuseeland einwanderten, gehörten teilweise dem Islam an. Zahlreiche Muslime wanderten in den 1970er-Jahren nach Neuseeland aus Fiji ein, die als Arbeitskräfte willkommen geheißen wurden. In den 1990ern kamen dann zahlreiche Flüchtlinge aus Afghanistan, Pakistan und dem Irak.

Erst 1979 wurde in Neuseeland die erste Moschee errichtet, 1984 entstand in Christchurch die erste Moschee auf der Südinsel. Heute ist der Islam vor allem unter den Pazifik-Insulanern verbreitet, auch die Maori konvertieren offenbar verstärkt zu diesem Glauben.

Trotzdem ist und bleibt der Islam in Neuseeland die Religion einer kleinen Minderheit. Einer Minderheit, die hier wie alle anderen mit offenen Armen willkommen geheißen und ohne Hintergedanken akzeptiert wird. Auch nach dem verabscheuungswürdigen Terroranschlag in Christchurch.

Neuseeland Sonnenuntergang Westcoast

Peace, Neuseeland!

Seid ihr während der Terroranschläge in Christchurch gewesen? Oder seid ihr gerade in Neuseeland und macht euch nun Sorgen? Erzählt es uns!

1 Kommentar

  • Es ist ein schrecklicher Anlass, der das friedliche Land am Rande der Welt plötzlich in den Mittelpunkt des Weltgeschehens rückt. Aber ich denke, die Art und Weise wie dort – auch von den politisch Verantwortlichen – mit den Anschlägen umgegangen wird, könnte nicht besser sein. Ein seltsames Gefühl bleibt es dennoch, dass man nun auch bei Reisen nach Neuseeland ein gewisses Terror-Risiko auf dem Schirm haben muss. Aber ich wohne in Berlin, und noch dazu quasi mitten drin. Da kann jeden Tag was passieren…
    Liebe Grüße
    Gela

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